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Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 06:24
von Fergus
Missbilligend verzog Yukarin kurz die Mundwinkel, als Lilian seine Forderung nach anständigen Tischmanieren untergrub, indem er erklärte, dass er nicht von sich aus, so adrette, kleine Bisse nahm, sondern nur, weil der Meister es wollte. "Nun, es steht dir jedenfalls gut an", bemerkte der Bibliothekar knapp. "Und Fergus täte es das auch." Der fröhliche Krieger wollte jedoch nicht darin unterrichtet werden. Zumindest nicht jetzt und wand sich jammernd heraus. Yukarin beharrte zum Glück auch nicht darauf, sondern beliess es mit einem neckenden Spruch.
Er war auch so lieb ihm nochmals zu versichern, dass der Meister sie nicht alleine lassen würde. Und auch Lilian beteuerte noch einmal, dass er nicht dachte, dass der Meister so etwas tun würde. Dankbar lächelte Fergus die beiden an, nur um sich gleich darauf noch ein grosses Stück Lasagne in seinen Mund zu stopfen. So ohne Sorgen liess sich gleich viel besser essen und er hatte wirklich Hunger. Da kam ihm in den Sinn, dass Lilian ihn doch noch um Bücher gebeten hatte, die sie lesen durfte. Rasch fragte Fergus danach, schaffte es allerdings, vorher noch zuerst seine Lasagne runter zu schlucken.
Diesmal hatte jedoch Lilian Mühe mit dem Essen. Sie musste Husten und wurde ganz rot dabei. Fergus musterte sie besorgt, ob sie sich verschluckt hatte und Hilfe brauchte. Stammelnd erklärte sie, dass sie nur gemeint hätte, dass sie nur etwas lesen wolle. Nur dürfe keine Erotik in der Geschichte vorkommen. Weil der Meister dachte, dass sie noch zu jung dafür wäre. Fergus nickte verständig. Lilian wirkte wirklich noch sehr jung. Besonders in ihrem Verhalten.
"Damit hat er sicher recht", schmunzelte der Bibliothekar amüsiert. "Ich habe dir bereits einige Bücher raus gelegt, da ich mir schon dachte, dass du früher oder später deswegen zu mir kommen wirst. Allerdings habe ich dir nicht nur Liebesromane, sondern auch Abenteuergeschichten rausgesucht. Ich hoffe, die werden ebenfalls zusagen. Auch wenn keine Liebesaffairen dabei eine grosse Rolle spielen." Lilian störte das überhaupt nicht. Im Gegenteil, sie schien ganz neugierig auf die Bücher zu sein. Und das obwohl keine Erotik darin vorkommen durfte. Dafür interessierte sie sich für Geschichten, in denen sich zwei Männer liebten. Oh, das war ja spannend, dass Lilian sich ausgerechnet dafür interessierte.
"Hmmm, eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern ohne Erotik, das wird gar nicht so leicht", überlegte Yukarin ernst. "Lass mich überlegen... ja, doch, da kommt mir etwas in den Sinn. Es ist allerdings eine Buchreihe und es geht auch nicht um zwei Männer, sondern um zwei Jugendliche, die sich in einem Internat kennen lernen. Das könnte dir gefallen."
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 08:55
von Lilian
Der Blutige schien es auch nur richtig zu finden, dass Lilian für einige Bücher zu jung wäre. Der Jüngling verstand das nicht. Für seine blutige Entjungferung war er nicht zu jung gewesen. Aber vielleicht hatte sich Aerys' Meinung darüber geändert? Er wollte es ja nun auch langsamer angehen. Falls dies weiterhin galt. Er war so wütend gewesen...
Lilian vertrieb die Gedanken an den Adeligen wieder, während Yukarin inzwischen bestätigte, dass er ein paar passende Bücher vorsortiert hätte. Neben Liebesromanen auch Abenteuergeschichten, die Lilian hoffentlich gefielen.
"Ja.. danke", bedankte sich der Jugendliche zögerlich. Er musste an die Piratengeschichte von diesem Sastre denken. Nein, das war viel zu abenteuerlich und verwirrend gewesen...
Vorsichtig erkundigte er sich nach Geschichten in denen zwei Männer zusammen waren. Es war sehr peinlich danach zu fragen und er mochte gar nicht wissen, was der Blutige sich dabei dachte. Hoffentlich nicht, dass Lilian nun auf Männer stand und mit jemanden zusammen sein wollte. So war das gewiss nicht. Er wollte nur... Rat.
Leider wusste der Bibliothekar auf Anhieb keine Liebesgeschichte ohne Erotik und mit zwei Männern. Das gab es anscheinend nicht sehr oft.
"Oh.." Lilian ließ die Schultern hängen. Er hätte lieber gar nicht danach fragen sollen. Verdrossen nahm er noch einen Bissen vom Salat. Da fiel Yukarin eine passende Buchreiche mit zwei Jugendlichen ein, die sich in einem Internat kennenlernten.
"Ja? Das darf ich lesen?", fragte Lilian und wurde wider Willen doch neugierig. "Und die zwei Jugendlichen kommen zusammen?" Und wieso benötigte das eine ganze Buchreihe? Jedenfalls hätte Lilian diese gerne gelesen, um eventuell etwas zu finden, was ihm in seiner Situation helfen konnte. Und danach zu fragen, war alles was ihm gerade einfiel.
Er zögerte kurz nachdenklich, nagte an seiner Unterlippe.
"Hmm... müsst ihr.. Prinz Verden sagen, was ich alles von der Liste lese?", fragte er.
Yukarin antwortete, dass Lilian schon selbst herausfinden müsse, ob die Jugendlichen zusammenkämen, wenn er es dann las. Der Blutige wusste auch nicht, ob er der Meister darüber in Kenntnis setzen müsste. Dazu hätte er nichts gesagt.
"Oh.. okay..", murmelte Lilian und wagte nicht, den Bibliothekar dazu weiter zu befragen. Lilian fragte sich, ob er die Bücher irgendwie zurück in sein Zimmer schmuggeln könne. Und wie und wann?
"Es ist ja auch nicht so dringend", wiegelte er ab. Nicht, dass Yukarin erst recht zu Aerys ging, um ihm von der Neugier seines neuen.. Spielzeuges zu berichten. Nein, er war nicht mehr nur ein Spielzeug, dachte Lilian. Er konnte nicht nur das sein.
Der Junge konzentrierte sich wieder auf das Essen.
"Danke, dass ich hier essen konnte", bedankte er sich höflich, "Vielleicht kann ich danach versuchen mit Aerys zu reden. Vielleicht ist er jetzt nicht mehr wütend. Alle sagen, das vergeht ganz schnell", gab er sich Hoffnungen hin.
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 14:10
von Fergus
"Selbstverständlich", stimmte Yukarin zu, dass Lilian das Buch über die beiden Jugendlichen im Internat lesen durfte. "Ansonsten hätte ich es dir nicht angeboten. Komm morgen bei mir in der Bibliothek vorbei. Dann gebe ich es dir." Fergus lächelte zufrieden, dass er Lilian mit den Büchern hatte helfen können. Dass sie deswegen ganz schüchtern gewesen war oder es gar nicht so offen hatte besprechen wollen, kam ihm nicht in den Sinn. Auch wenn es schon etwas merkwürdig war, dass Lilian noch fragte, ob die beiden Jungs zusammen kamen und ob der Meister davon wissen musste, was Lilian sich so alles für Bücher auslas. Aber Fergus dachte sich nicht viel dabei. Ganz im Gegensatz zu Yukarin, der Lilian verstohlen aber interessiert musterte.
"Nun, wie die Geschichte zwischen den beiden Jungs ausgeht, musst du schon selber herausfinden, Lilian", schmunzelte der Bibliothekar leicht spöttisch. Fergus fand Lilians Frage auch merkwürdig. Es war doch langweilig, wenn man das Ende einer Geschichte vor deren Anfang kannte. "Ob der Meister wissen will, was du liest, weiss ich nicht", fügte der Blutige an. Fergus überlegte derweil, wieso das relavant war. Allerdings nur so lange, bis Lilian meinte, dass es ja auch nicht so dringend wäre. Ab dem Moment liess er den Gedanken fallen und ass genüsslich weiter. Lilian ass ebenfalls wieder weiter und bedankte sich ganz niedlich dafür, dass sie hier essen konnte. Nachher wollte sie jedoch nochmals versuchen, zum Meister zu gehen, um mit ihm zu reden. Vielleicht sei er jetzt nicht mehr wütend. Alle sagten, dass das ganz schnell vorbei gehe. Fergus stockte. Lilian hatte schon recht. Aber diesmal war der Meister ganz doll wütend geworden. Man hatte es im ganzen Gebäude gespürt.
"Meistens vergeht der Zorn des Meisters sehr schnell", präzisierte Yukarin auch eher skeptisch. "Du solltest besser darauf warten, dass er dich zu sich ruft. Schon nur der Höflichkeit halber, da du sowohl in der Bluts-, als auch in der Juwelenkaste unter ihm stehst. Ausserdem ist er dein Gastgeber. Also warte, bis er dich ruft." Yukarin stockte einen Moment und entschloss dann. "Du wirst über Nacht hier bleiben. Fergus und du könnt das Bett benutzen."
"Oh, toll", strahlte Fergus begeistert. "Dann machen wir noch eine Pyjamaparty. Lilian trägt Nachts nämlich immer ein Nachthemd. Kann ich auch einen Schlafanzug kriegen, Yuki? Bitteee. Und ein kleines Betthupferl. Liest du uns eine Geschichte vor? Oh oder wir könnten eine Kissenschlacht machen. Was meinst du Lilian?"
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 14:17
von Lilian
Der Blutige sah es anders und meinte, dass Lilian eher warten sollte bis der Meister ihn zu sich rief. Er stünde unter ihm und außerdem wäre er Lilians Gastgeber. Gastgeber?
"Gäste können auch wieder gehen...", murmelte der Jugendliche verletzt. Aerys war kein Gastgeber. Zu Beginn hatte er so getan, aber dann hatte er deutlich klar gemacht, dass Lilian jetzt sein war. Bloß in den letzten Tagen... da hatte Lilian es ein bißchen vergessen können. Sie waren anders miteinander umgegangen. Liebevoller. Und plötzlich war das alles wieder weg. Es tat weh. Der Jüngling versuchte sich zusammenzureißen. Vor dem Blutigen wollte er keine Schwäche zeigen.
Dieser vertröstete ihn darauf, dass Lilian darauf warten sollte bis der Meister ihn rief.
"Aber vielleicht will er, dass ich zu ihm gehe und mit ihm rede", vermutete der junge Krieger. Woher wollte Yukarin wissen, was der Adelige wollte? Wenn er etwas wollte, was er keinem der anderen gesagt hatte?
Yukarin fand jedoch, dass Lilian hier schlafen sollte. Fergus und er könnten das Bett benutzen. Erschrocken blickte der zarte Junge zu dem großen Bett. Keinesfalls wollte er bei dem Blutigen übernachten. Egal, ob Fergus dabei war oder nicht. Das ließ ihn nicht unbedingt sicher fühlen. Coranis hatte auch gesagt, dass wenn ein Blutiger Fergus und Lilian sah, er sich Lilian nehmen würde...
Er musste von hier weg. Vielleicht könnte er zurück zu dem ersten Zimmer, wo er zu Beginn gewesen war.. oder sich sonst irgendwo verstecken.
Fergus war dagegen begeistert von der Übernachtung und plauderte sofort aus, was Lilian nachts anhatte.
"Ich trag auch manchmal was anderes...", wandte der Jugendliche unbeholfen ein. Fergus wollte nun einen Schlafzug und nannte den Blutigen dabei "Yuki". Es klang sehr vertraut. Aufgeregt erbettelte sich der Krieger weitere Dinge. Er wollte ein Betthupferl und eine Geschichte vorgelesen bekommen. Nein, er wollte eine Kissenschlacht. Es war schwer mitzukommen. Wobei sich Lilian weder vorstellen konnte, dass der strenge Bibliothekar ihnen was vorlas noch dass er bei einer Kissenschlacht mitmachte.
Lilian stellte seinen Teller beiseite. "Ich..." Er überlegte hastig nach irgendeiner Ausrede. "Das ist sehr nett. Danke für das Angebot, aber ich sollte lieber gehen. Prinz Verden wäre es bestimmt nicht recht, wenn ich hier schlafe."
Leider entkräftete Yukarin diese Ausrede allein mit einem strengen Blick unter dem sich der junge Krieger sehr klein fühlte. Schließlich erwiderte der Blutige, dass es dem Meister sogar mehr als recht sei und ganz sicher lieber, als wenn Lilian irgendwo in der Villa herumgeisterte.
Der zierliche Jüngling versuchte nicht ertappt dreinzublicken. Woher wusste Yukarin das? Und woher wollte er wissen, was Aerys recht war?
"Er hat gesagt, ich soll im Schlafsaal schlafen. Dass da ein Schlafplatz für mich ist", versuchte Lilian sich trotzdem zu entwinden. Nervös knetete er seine Finger.
Yukarin machte jeden Plan zunichte indem er knapp sagte, dass der Meister sich umentschieden hätte. Lilian machte große Augen. Umentschieden?
"Er hat mit dir geredet?", erkannte er endlich. "Was hat er gesagt? Dass ich hier bleiben soll?" Er erhob sich hastig und blickte sich schreckhaft um. "Danke für die Einladung, aber ich möchte lieber woanders schlafen." Er wusste nicht wo, aber bestimmt nicht in Gegenwart des Blutigen, den Lilian kaum kannte. Das war wahrscheinlich nicht sehr höflich, doch er wollte der möglichen Gefahr lieber aus dem Weg gehen. Der Jugendliche versuchte kleine Schritte nach hinten zur Türe. Das lange Kleid ließ ihn nicht schneller gehen.
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 14:35
von Fergus
Lilian meinte leider, dass die Einladung zur Übernachtung hier, sehr nett wäre. Er dankte für das Angebot. Fergus musste bei dieser höflichen Ausdrucksweise kichern, denn bei Yukarin hatte sich dieses Angebot vielmehr wie ein Befehl angehört. Jedenfalls war Lilian der Meinung, dass sie lieber gehen sollte. Dem Meister wäre es bestimmt nicht recht, wenn sie hier schliefe. Fragend hob Fergus seinen Kopf. Warum denn nicht? Yukarin wirkte weniger überrascht. Stattdessen warf er Lilian einen seiner unheimlich strengen Blicke zu, die klar machten, dass es wirklich nicht ein Angebot sondern ein Befehl gewesen war.
"Dem Meister ist es sogar mehr als Recht", antwortete der Blutige knapp und nicht begeistert darüber, dass Lilian sich so zierte. "Es ist ihm definitiv lieber, als wenn du irgendwo in der Villa herumgeisterst." Fergus verstand noch weniger. Warum sollte Lilian in der Villa umher irren? Es gab doch genügend Platz im Schlafsaal. Lilian machte Yukarin auch darauf aumerksam. Da klärte sich endlich, woher der Bibliothekar seine Informationen hatte.
"Der Meister hat sich umentschieden", erklärte er kurzangebunden. Offensichtlich hatte Yukarin dem Meister gesandt. Und das obwohl der Meister womöglich noch wütend war. Er war so mutig. Fergus war froh darüber. Jetzt war alles geklärt und sie konnten gemeinsam einen gemütlichen Abend verbringen. Hatte er zumindest gedacht. Lilian wurde jedoch ganz aufgeregt. Mit heller Stimme fragte sie, ob der Meister wirklich mit Yukarin gesprochen hätte? Was er gesagt hätte? Ob sie wirklich hier bleiben sollte? Abrupt stand sie auf und blickte sich um, als würde sie gejagt.
Fergus verstand die Welt nicht mehr. Nun wo scheinbar alles geklärt und erlaubt war, wollte Lilian nicht hier sein, sondern woanders schlafen. Dabei hatten sie doch gerade erfahren, dass der Meister das nicht wollte. Wollte Lilian den Meister noch weiter wütend machen? Nein, das konnte nicht sein. Fragend blickte er von ihr zu Yukarin, der sich nicht gross um Lilians ausbruch kümmerte, sondern in Ruhe weiter zu Abend ass. Er hatte schliesslich gesagt, was er zu sagen hatte. Oh, aber Lilian hatte gerade mal die Hälfte ihres Tellers leer gegessen. Sie ass wirklich wie ein Spatz. Fergus selbst hatte so geschlungen, dass er schon fast fertig war.
"Du hast doch noch gar nicht zuende gegessen", erinnerte Fergus Lilian, die in kleinen Schritten zur Tür tippelte. "Ausserdem will der Meister, dass du hier bleibst. Lilian, was ist denn los? Wir wollten uns doch einen schönen Abend machen." Das schien Lilian völlig egal zu sein. Sie klammerte sich an den Türknauf und rüttelte wie wild daran, weil er nicht aufgehen wollte. Fergus betrachtete das verwundert. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass Yukarin hinter ihnen abgeschlossen hatte. Aber vielleicht hatte er das auch nur nicht mitbekommen, weil er so hungrig auf das Abendessen gewesen war. Oh, das war heiss, dass er sie alle hier drinn eingeschlossen hatte. Fergus wurde es augenblicklich etwas kribbelig zumute. Lilian fragte Yukarin jedoch eher wimmernd, warum er sie nicht gehen liesse. Sie wolle nicht hier sein.
"Waaaaas? Warum nicht?" fiel Fergus aus allen Wolken und überlegte, ob er gemein zu Lilian gewesen war.
"Das ist doch offensichtlich", brummte hingegen Yukarin. "Sie riecht nach Angst, seit ich euch die Tür aufgemacht habe."
"Oh, ich dachte, das war nur zu Anfang. Noch wegen Kastor in der Küche", erklärte Fergus bedröppelt.
"Nein, das ist meinetwegen", stellte der Bibliothekar knapp dar. "Trotzdem kannst du nicht gehen Lilian", wandte er sich an das erschrockene Mädchen an der Tür. "Der Meister will, dass du hier bleibst über Nacht. Also wirst du hier bleiben. Du hast noch nicht zuende gegessen. Setz dich wieder und iss auf."
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 15:43
von Lilian
Lilian hörte nicht auf Fergus' Bemerkung, dass er noch nicht zuende gegessen hatte. Das war Lilian egal. Er hatte sowieso keinen Appetit. Er wollte lieber hier raus. Die Situation war ihm nicht geheuer. Fergus verstand dies nicht, aber der schlief ja auch gerne mit Yukarin.
"Ihr könnt euch gewiss einen viel schöneren Abend zu zweit machen", versuchte Lilian zu erklären. Trotz allem wollte er nicht, dass Fergus wieder betrübt wurde. Lilian war bei der Türe angelangt und wollte sie öffnen. Es ging nicht! Wild rüttelte er am Türknauf, Angst peitschte hinauf. Nein, Yukarin hatte sie eingeschlossen. Oh nein, was hatte er denn jetzt vor? Nach so langer Zeit als Gefangener reagierte der Jugendliche sehr empfindlich auf verschlossene Türen. Verzweifelt zog er am Türgriff, doch er gab nicht nach. Ängstlich drehte sie sich herum, die Signatur für einen Herzschlag besonders feminin, doch Lilian bekam es gar nicht mit.
"Warum lässt du mich nicht gehen?", fragte er und konnte das Wimmern aus seiner Stimme nicht ganz verbergen. "Ich möchte jetzt nicht mehr hier sein. Ich gehe zum Schlafsaal." Ja, er würde dort hingehen und sich dann irgendwo etwas anderes suchen. Gewiss wollte er nicht an einem Ort liegen, den Kastor regelmäßig aufsuchte, um dort unter die Blumen zu kommen. Was auch immer das hieß. Lilian wollte daran nicht teilhaben.
Fergus konnte überhaupt nicht verstehen wieso der Jugendliche gehen wollte, doch Yukarin wusste es genau. Sie würde nach Angst riechen, seit er sie eingeladen hatte. Es wäre seinetwegen.
"Ich kenne dich nicht und jetzt sperrst du mich ein", verteidigte sich Lilian. Er konnte nicht preisgeben, dass er Angst hatte, der Blutige würde ihn anfassen und quälen. Dass er sich jetzt nicht mehr sicher war, ob Aerys das Verbot aufgehoben hatte. Würde der Adelige so weit gehen? Lilian hatte doch nichts gemacht... es war nicht fair.
Yukarin stellte streng klar, dass er nicht gehen könnte. Der Meister würde wollen, dass er hier übernachtete. Er sollte sich jetzt wieder hinsetzen und aufessen.
"Nein, ich will nicht hier bleiben. Bitte, lass mich gehen", beharrte Lilian und hielt sich weiterhin am Türknauf fest. Dass der Blutige verlangte, Lilian solle aufessen, erinnerte ihn sehr an Aerys und wie dieser ihn zu Beginn gezwungen hatte, aufzuessen. Ob Lilian es geschmeckt hatte oder nicht. Bis es gar nichts mehr zu essen gegeben hatte und der Prinz ihn hatte hungern lassen... eine weitere Erziehungsmaßnahme? Wieso waren die so grausam? Wieso musste Lilian überhaupt umerzogen werden? Was war denn noch alles falsch an ihm?
Er haderte mit sich, ob er Aerys senden sollte oder nicht. Um sich zu vergewissern, dass dieser wirklich wollte, dass Lilian hier blieb. Und was er Yukarin alles für Anweisungen gegeben hatte. Lilian traute sich dann doch nicht. Aerys schien noch wütend auf ihn zu sein, wenn er wollte, dass Lilian hier schlief.
"Ich muss auf die Toilette. Ganz dringend", verlegte der Junge sich auf eine andere Taktik. Yukarin würde ihm das doch nicht verbieten oder? Wenn Lilian erstmal im Bad war, würde ihm hoffentlich ein neuer Ausweg einfallen. Ach, wieso geriet er von einer beklemmenden Situation in die nächste? Er hatte das Gefühl, er hätte seit Tagen nicht mehr durchgeatmet oder sich gar entspannen können. Der Jüngling bebte unter dem vielen Druck, der auf ihm lastete. Verloren blickte er zu Boden.
Er wollte so gerne nach Hause. Er hatte es sich so sehr gewünscht...
Der Gedanke, dass er nur noch ein Jahr, vielleicht zwei durchhalten müsste, hatte ihm Kraft gegeben. Er hätte es überstehen können. Ein Tag nach dem anderen. Egal was für Grausamkeiten ihm begegneten. Es hätte wenigstens ein Ende gehabt. Eine rettende Erlösung am Ende. Aber jetzt...
Jetzt war das alles wieder weg. Kein Ende. Lilian wusste nicht, ob er die Kraft hatte zu kämpfen und durchzuhalten, wenn er nicht wusste, wann es aufhören würde. Der Junge schluckte schwer, hielt aber den Kopf gesenkt, da er nicht wollte, dass der Blutige sah wie sehr er mit sich am kämpfen war.
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 15:57
von Fergus
Lilian erklärte, dass sie Yukarin nicht kenne und er sie jetzt einsperren würde. Deswegen hätte sie Angst. So wirklich konnte Fergus das nicht nachvollziehen. Allerdings kannte er Yukarin ja sehr gut, kam es ihm in den Sinn. Vielleicht würde es ihm ähnlich wie Lilian gehen, wenn er ihm unbekannt wäre. Andererseits hatte der Bibliothekar eine so interessante, geheimnisvolle Ausstrahlung. Fergus wäre wohl eher aufgeregt und nervös, als ängstlich. Lilian jedoch beharrte darauf, dass sie nicht hier bleiben wollte und bat, dass Yukarin sie gehen liess. Das verwunderte Fergus nun aber doch. Lilian hatte doch gerade erfahren, dass der Meister wollte, das sie hier blieb. Ausserdem hatte Yukarin ihr gesagt, dass sie aufessen sollte. Sie hatte doch so wenig gegessen. Das schöne Stück Lasagne. Es war bestimmt schon ganz kalt.
Yukarin ignorierte Lilians Bitte komplett und ass in Ruhe zu Ende. Es war glasklar, was er erwartete und wenn Lilian sich nicht daran hielt, würde er sich auch nicht mit ihren Bitten befassen. Fergus, der schon zuende gegessen hatte, wand sich unruhig auf dem Sofa zwischen den beiden Streithähnen hin und her. Er wollte Yukarin nicht wütend. Er hatte ihn doch so gern. Andererseits tat ihm Lilian auch leid, wie sie sich an den Türknauf klammerte und unbedingt raus wollte. Dabei hätten sie doch eine so schöne Pyjamaparty haben können, dachte Fergus betrübt.
Da erklärte Lilian unvermittelt, dass sie ganz dringend auf die Toilette müsse. Oh, das war ihr wohl peinlich gewesen laut zu sagen. Das musste es nicht. Wenigstens konnte Fergus nun verstehen, warum Lilian so dringend raus wollte. Wenn man dringend ins Bad musste, hatte man keinen Sinn für andere Sachen. Merkwürdigerweise reagierte Yukarin noch immer nicht auf Lilians Bitte. Er konnte manchmal schon sehr, sehr streng sein.
"Yuki", begann er einschmeichelnd und wollte Lilian helfen, die allmählich etwas bebte, weil sie so dringend musste. "Wenn sie doch so dringend..."
"Muss sie gar nicht", erklärte der Blutige ihm sanft. "Das ist nur ein Vorwand, um hier heraus zu kommen und sich alleine in einen Raum einzuschliessen."
"Was?!? Aber warum denn?" Fergus drehte sich zu Lilian um und blickte sie mit grossen Augen an. "Das ist doch doof und langweilig alleine im Bad."
"Ich nehme mal an, dass sie sehr schüchtern ist", analysierte Yukarin. "Oder sie will uns einfach nur ärgern. Oder uns in Misskredit beim Meister bringen, indem sie uns dazu bringt, ihm gegenüber ungehorsam zu sein."
"Nein, das glaube ich nicht", schüttelte Fergus seinen Kopf. Lilian war lieb und süss. Bestimmt war sie nur schüchtern. Rasch erhob er sich und trat behutsam zu ihr hin. "Du musst keine Angst haben, Lilian", versicherte er ihr innig und legte tröstend seine Arme ums sie. "Wenn dir eine Kissenschlacht oder eine Pyjamaparty zu wild sind, können wir auch etwas anderes machen. Ein Brettspiel spielen zum Beispiel. Oder auch einfach etwas lesen. Das magst du doch, oder? Das Buch mit den beiden Jungs aus dem Internat? Ich kann es dir gleich holen gehen, wenn du möchtest."
"Zuerst sollte sie noch etwas essen", meldete sich Yukarin aus seinem Sessel. Er hatte inzwischen auch seinen Teller leer und Fergus kam es siedend heiss in den Sinn, dass es schon sehr unhöflich von ihm gewesen war, einfach aufzustehen, während der andere noch ass. "Sonst kippt sie uns noch glatt um wegen Mangelernährung."
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 16:00
von Lilian
Der Blutige schwieg und reagierte nicht auf Lilians Bitte, auf die Toilette gehen zu dürfen. Ob er ihm nicht glaubte? Der Jugendliche überlegte angestrengt wie er nun aus dieser Situation herauskam. Fergus begann lieberweise für ihn zu vermitteln, doch es klappte leider nicht. Die Stimme des Bibliothekars war zwar ruhig, doch seine Worte blieben unbarmherzig. Lilian wolle sich nur im Bad einschließen.
Erschrocken und ertappt blickte der Junge auf. Woher wusste Yukarin das immer alles?
"Ich..", stockte Lilian, wusste jedoch nicht was er dazu sagen sollte. Fergus konnte es nicht glauben, es wäre doch langweilig im Bad. Aber da wäre er wenigstens in Sicherheit, glaubte Lilian. Er wollte nicht hier bleiben. Wieso hatte Aerys Yukarin gesandt, dass er bei dem Blutigen übernachten sollte? Das war doch noch gemeiner als ihn in den Schlafsaal zu schicken, wo die Weißgekleideten waren.
Verlegen blieb Lilian bei der Türe stehen, ratlos was er nun tun sollte. Irgendwann musste Yukarin ihn doch rauslassen. Lilian müsste sich ja auch fürs Bett fertig machen.
Der Blutige vermutete, dass Lilian schüchtern sei oder sie ärgern wolle. Überfordert schüttelte der Jüngling den Kopf. Er wollte niemanden ärgern. Er hatte heute bereits einen sehr furchtbaren Streit erlebt. Gewiss wollte er keinen weiteren.
"Oder uns in Misskredit beim Meister bringen, indem sie uns dazu bringt, ihm gegenüber ungehorsam zu sein", spekulierte der Blutige. Ungehorsam? Was genau hatte Aerys Yukarin aufgetragen? Und wieso sandte er ihm nicht? Wieso kam er nicht vorbei und holte ihn von hierher weg? Lilian konnte die Enttäuschung über den Prinzen nicht abschütteln.
"Ich will niemanden in Verruf bringen", wehrte der Jüngling sich leise gegen die Anschuldigungen.
Fergus nahm ihn dann plötzlich in Schutz. Schnell kam der Weißgekleidete herüber und legte einen Arm um ihn, was Lilian erschrocken zuließ. Nur angesichts des Blutigen, der sie beide beobachtete, traute sich der Jugendliche nicht, sich auch nur ein Stück zu rühren oder die Nähe zu erwidern. Der sollte bloß nicht denken, dass Lilian an so etwas Interesse hatte.
"Ich.. hab keine Angst", wehrte er verlegen und mit leider viel zu verräterisch heller stimme ab. Fergus versuchte ihn wohl aufzumuntern und schlug vor, was sie alles machen könnten. Ein Brettspiel oder das Buch mit den beiden Jungs aus dem Internet lesen.
"Nein, nicht nötig.. danke", lehnte Lilian ab. Er wollte jetzt nichts machen und sicher nicht entspannt lesen. Er fühlte sich nicht gut. Weder hatte er Energie noch Appetit auf irgendetwas. Trotzdem beharrte Yukarin, dass Lilian aufessen sollte. Der Blutige aß selbst ungerührt weiter und kam zum Glück nicht näher. Er bemerkte nur, dass Lilian ihnen wegen Mangelernährung umkippen würde.
"Das hat bisher auch niemanden gekümmert", wehrte der Junge trotzig ab, "Aerys hat mich tagelang hungern lassen und ich hatte gar nichts zu essen. Und ich durfte auch nicht raus. Nichtmal auf den Balkon. Und er hat mich ganz lange alleine gelassen und niemand war da und dann hab ich nichts gegessen und die Teller nicht angerührt, aber niemanden hat es interessiert", machte er sich Luft. Er fühlte sich einsam und unverstanden. Wie sollte er das Leben hier alleine schaffen? Aber der Jugendliche hatte auch Probleme sich den älteren Männern im Anwesen anzunähern, die solch seltsame Verhaltensregeln und Lebensweisen hatten. Er befürchtete, dass die Männer nur darauf warteten bis Lilian auch ein Kunstwerk war und dann "mitmachte". Er wollte das nicht, aber es war alles so ausweglos.
Er hatte gedacht, Aerys ließe ihn frei und er konnte endlich wieder nachhause. Jetzt passierte das doch nicht und er hatte nichtmal mehr Aerys, der ihn jetzt lieber mit seinem zukünftigen Leben bekannt machte. Als Weißgekleideter.
Lilian biss sich auf die Lippen.
"Ich will nichts essen. Ich will jetzt hier raus", beharrte er. Lilian machte sich von Fergus los und versuchte auf eines der Fenster zuzueilen. Wenn die Türe verschlossen war, vielleicht ginge das Fenster. Sie waren im Erdgeschoss oder? Er würde einfach rausklettern. Er musste hier weg und sich in Sicherheit bringen.
Flink rannte er los, doch das lange Kleid machte ihm wieder einen Strich durch die Rechnung. Nicht zum ersten Mal trat Lilian auf den Saum. Dieses Mal war er jedoch so schnell, dass er heftig nach vorne stolperte und der feine Stoff ein hörbares Ratsch von sich gab. Lilian fiel zu Boden und stieß sich das Knie. Es war zwar schmerzhaft, aber vor allem war er entsetzt, als er sich umdrehte und sah, dass das Leinenkleid einen großen Riss bekommen hatte. Sein helles, kleines Knie guckte daraus hervor. Es war ein bißchen gerötet, doch Lilian war viel mehr mit dem beschädigten Kleid beschäftigt. Oh nein, er hatte schon wieder was kaputt gemacht.
"Das war nicht mit Absicht! Ich wollte das nicht!", verteidigte er sich sofort. Oh nein, Aerys würde vermutlich ganz böse werden. Es war ja eines der weißen Leinenkleider.
"Ich wollt das nicht kaputt machen! Ihr habt das gesehen oder? Das war nicht absichtlich." Hilflos blickte der zierliche Junge zwischen Fergus und Yukarin hin und her, während er neben dem Bett auf dem Boden saß.
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 16:38
von Fergus
Lilian wehrte verlegen und mit sehr heller Stimme ab, dass sie keine Angst hätte. Ausserdem wäre es auch nicht nötig, dass sie ein Brettspiel machten oder in einem Buch lasen. Fergus überlegte sich fieberhaft andere Dinge, die sie hier tun konnten, wo Lilian doch hier übernachten sollte. Yukarin meinte derweil lapidar, dass Lilian noch ihr Abendessen zuende essen sollte. Da wurde Lilian richtig patzig und sie meinte, dass es bisher auch niemanden gekümmert hatte, wenn sie hunger gehabt hätte. Der Meister hätte sie tagelang hungern lassen und sie hätte gar nichts gegessen. Sie hätte auch nicht raus gedurft. Noch nicht einmal auf den Balkon und der Meister hätte sie ganz alleine gelassen. Da sei niemand da gewesen und sie hätte nichts gegessen, die Teller nicht angerührt, aber das hätte niemanden interessiert.
"Was? Nein... Lilian... so war das bestimmt nicht..." stammelte Fergus überrumpelt über die Heftigkeit von Lilians Ausbruch. Er war damals zwar nicht der Küche zugeteilt gewesen, doch er hatte sie reden hören, wie sie sich Sorgen gemacht hatten, weil Lilian so wenig gegessen hatte. Aber sie konnten doch nichts tun, wenn der Meister es ihnen verbot. Genau so wenig, wie sie einfach in dessen Gemächer gehen konnten. Jedenfalls gab es da bestimmt eine andere Erklärung, dass Lilian ihnen allen egal war. Doch Lilian wollte gar nicht zuhören. Noch einmal stellte sie klar, dass nichts essen wolle. Sie wolle jetzt hier raus.
Bevor Fergus noch einmal versuchen konnte, sie zu beruhigen oder zu trösten, riss sie sich von ihm los und rannte quer durch das Zimmer. Besorgt rief Fergus ihr hinterher und auch Yukarin schaute neugierig auf. Und dann geschah alles auf einmal sehr schnell. Ein deutliches Ratschen war zu hören und anschliessend ein dumpfes Rumpeln. Lilian war auf den Saum ihres langen Kleides getreten und knallhart der Länge nach auf den Boden geknallt. Fergus verzog schmerzerfüllt sein Gesicht und zog die Schultern hoch. Das hatte sich ganz schlimm angehört. Vorsichtig öffnete er seine zusammengekniffenen Augen, um zu schauen, ob Lilian schlimm verletzt war. Diese rief auch ganz laut, allerdings nicht, weil sie sich weh getan hatte, sondern weil sie klarstellen wollte, dass sie das nicht mit Absicht gemacht hätte. Das hätten sie doch gesehen, sie hätte das Kleid nicht kaputt machen wollen.
"Natürlich nicht", schüttelte Fergus seinen Kopf und eilte rasch zu Lilian, nachdem er sich von seinem Schrecken erholt hatte.
"Ich habe gesehen, wie du absichtlich einen Weg hier heraus gesucht hast, obwohl der Meister will, dass du über Nacht hier bleibst", antwortete Yukarin schon zynischer.
"Lilian tut dir etwas weh?" fragte Fergus besorgt. "Hast du dich verletzt? Komm ich helfe dir hoch. Magst du dich nicht wieder aufs Sofa setzen." Er bemühte sich eifrig, während Yukarin Lilian eher zu ignorieren schien. Er hatte die leeren Teller, plus den von Lilian wieder zurück in die Küche gesandt und sich erhoben. Während Fergus Lilian zu verarzten versuchte, erhob sich der Bibliothekar, nahm sich einen Wasserkocher vom Kamin und ging durch eine andere Tür in dem Zimmer. Gleich darauf hörte man Wasser rauschen. Nach einer Weile kam Yukarin zurück und hängte den Wasserkocher an einen Haken im Kamin.
"Brauchst du Wundsalbe?" wandte er sich schliesslich doch noch an Lilian. "Oder reicht eine Tasse Tee, um den Schrecken zu verdauen?"
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 16:51
von Lilian
Fergus kam schnell zu ihm, besorgt, dass er sich verletzt hätte. Der andere Krieger war wirklich sehr lieb, selbst wenn er viele Sachen ausplapperte. Fergus glaubte ihm auch, dass Lilian das Kleid nicht absichtlich kaputt gemacht hatte. Yukarin war da weniger gnädig. Schließlich hätte Lilian absichtlich einen Fluchtweg gesucht, obwohl der Meister wolle, dass er über Nacht hier blieb.
"Mir hat er nichts davon gesagt... wieso sendet er mir nicht? Wieso will er, dass ich hier bleibe?", hatte der Junge lauter Fragen. Hauptsächlich klang er unsicher und verloren. Wieso kam Aerys denn nicht hierher? Der Adelige war derjenige, der den Streit so schlimm gemacht hatte. Er hatte ihn geschlagen. Richtig heftig. Lilian.. er hatte doch nichts gemacht. Und wenn ja, dann verstand er es nicht. Dieser Zustand in der Schwebe, ohne zu wissen wie sie nun zueinander standen, war nicht schön.
Lilian griff nach Fergus' Hand, der ihm aufhalf und ihn mit besorgten Fragen überschüttete.
"Geht schon...", wehrte Lilian ab, "Pocht nur ein bißchen." Es blutete ja nichtmal, so schlimm konnte es nicht sein. Es würde aber sicher einen blauen Fleck ergeben. Mehr Sorgen machte Lilian der Riss im Kleid. Es war nicht so, dass er sich nicht schon oft gewünscht hatte, das Kleid zu zerstören und zu zerreißen, aber er hatte es nie getan eben weil er wusste, dass Aerys dann gewiss richtig böse würde. Und momentan hatte der Jugendliche nicht die Kraft sich ein weiteres Mal dem zornigen, unbeherrschbaren Teil des Adeligen zu stellen.
Fergus führte ihn zurück zum Sofa, was Lilian mit sich geschehen ließ. Was hatte er sich überhaupt dabei gedacht? Yukarin hätte ihn sicher zurückgehalten über das Fenster rauszuklettern... ob der Blutige jetzt zornig war? Allerdings wirkte er nicht ungehalten. Er beachtete Lilian nicht weiter, ließ das Geschirr verschwinden und verschwand durch eine zweite Türe. Wo ging es denn dort hin? Lilian neigte sich neugierig zur Seite, um in den Raum schauen zu können, konnte aber nichts erkennen. Derweil pustete Fergus auf sein Knie.
"Danke. Was mach ich denn jetzt?", fragte er Fergus leise, "Aerys wird schimpfen..."
Als der Bibliothekar zurückkam, setzte sich Lilian hastig wieder gerade hin. Yukarin hatte einen Wasserkocher, den er nun über den Kamin hängte. Weiterhin blickte er nicht zu Lilian. Der Junge befürchtete schon, dass der Blutige nun sehr streng werden würde, aber stattdessen fragte er, ob Lilian eine Wundsalbe bräuchte oder ob eine Tasse Tee reichen würde.
"Tee reicht, danke", antwortete der Jugendliche erleichtert. Das befürchtete Unwetter schien nicht zu kommen. Stattdessen war der Blutige fast so etwas wie freundlich. Lilian blickte ihn bittend an.
"Sagt ihr.. sagst du Aerys was mit dem Kleid passiert ist?", wollte er nervös wissen und rutschte unruhig hin und her. "Vielleicht muss das nicht sein. Nicht gleich sofort." Denn Lilian wusste selbst, dass er es nicht ewig vor Aerys geheimhalten konnte.
"Ich kann es nähen", fiel ihm ein, "Ich brauch nur Nadel und etwas Faden. Ich hatte schonmal einen Riss. In einem Strumpf. Das war auch nicht mit Absicht passiert", beteuerte er eifrig, "Aber ich habs genäht und dann war er nicht böse. Er war sogar sehr nett. Er hat gelacht und mich umarmt und..."
Lilian stockte. Unsicher strich er sich über den Arm. Würde Aerys wieder so reagieren? Es war so ein schöner Moment gewesen.. obwohl Aerys so gemein bei dem Frühstück an diesem Tag gewesen war. Doch als Lilian ihm den geflickten Strumpf gezeigt hatte, hatte der Prinz sich sogar entschuldigt. Es war alles ganz wunderbar gewesen. Wieso konnte er nicht immer nett sein?
Wenn Lilian das Kleid flickte.. vielleicht würde es wieder so schön werden. Vielleicht würde Aerys nicht schimpfen. Vielleicht tat ihm das auch alles furchtbar leid.
Vielleicht...
"Ich muss es nähen, bitte", appellierte er an Yukarin, "Ich bleib auch hier", bot er an. Hoffentlich hatte der Adelige dem Blutigen nicht gesagt, dass er Lilian nun ausprobieren dürfte. Nein, das würde Aerys nicht tun. Er hatte versprochen, dass er nicht weiter gehen würde, als was Lilian wollte. Dazu mussten doch auch die Blutigen zählen...
Aber er war so wütend gewesen...
Der Jugendliche war hin und hergerissen. Er wollte an die gute Seite des Prinzen glauben. Er hatte sie sogar gern. Aber er war so unberechenbar und die Schläge hatten so weh getan...
Nein, er musste an die schöne Erlebnisse glauben. Das war echt und nicht das andere. Wenn sie sich wiedersahen und Aerys erst das geflickte Kleid sah, würde er lachen und ihn umarmen und ihn 'wunderbar' nennen.
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 17:10
von Fergus
Yukarin zuckte nur andeutungsweise mit seinen Schultern auf Lilians Fragen nach dem Meister, warum dieser ihr nichts davon gesagt hätte, dass sie hier bleiben müsse. Warum der Meister ihr nicht sandte und warum er wolle, dass sie hier bliebe. Der Bibliothekar schien es auch nicht zu wissen oder er wollte es Lilian nicht sagen. Vielleicht, weil sie vorhin so unhöflich gewesen war. Fergus dachte nicht weiter darüber nach. Dazu war er viel zu besorgt, dass Lilian sich womöglich ernsthaft wehgetan hatte bei ihrem Sturz. Glücklicherweise schien nichts aufgeschürft zu sein und sie beteuerte, dass es schon gehen würde. Es würde nur etwas pochen. Da war Fergus erleichtert. Dennoch gab er sich grosse Mühe, Lilian aufzuhelfen und sie zum Sofa zu führen, wo sie sich erst einmal hinsetzen und den Schrecken verarbeiten konnte.
Dort sass sie erst einmal ziemlich verloren. Ihr schlankes, hübschen Knie war deutlich unter dem Riss des Kleides zu sehen. Fergus beugte sich vor, um kühlend darauf zu pusten. Bis Lilian sich auch zur Seite beugte, um ihrerseits Yukarin nachzuschauen, der im Bad Wasser holen ging. Oh! Ob sie Yukis Hintern auch total knackig und zum reinbeissen fand! Fergus konnte das seeeeehr gut nachvollziehen.
"Ja, das ist wirklich eine dumme Sache", nickte er jedoch wieder ernst, als Lilian ihn fragte, was sie mit dem Kleid machen sollte. Der Meister würde schimpfen. Das glaubte Fergus gerne. Seine eigene, spezielle Leinenkleidung kaputt zu machen, war eine schlimme Sache. Es war respektlos dem gegenüber, was der Meister einem alles gab. Die Kleidung war auch eine hohe Auszeichnung, dass man es wert war, hier zu sein. So etwas machte man nicht einfach kaputt. Aber natürlich konnte es passieren. Bei der Haus- oder ganz besonders bei der Gartenarbeit. Wenn man wo mal hängen blieb.
"Das ist grad wirklich blöd gelaufen", sagte Fergus mitfühlend. "Und nicht absichtlich. Am besten übst du nachher ganz fest, mit dem langen Kleid zu gehen und zu rennen und alles, damit du den Meister beschwichtigen kannst, wenn du ihm alles erklärst. Dann wird er vielleicht nicht so enttäuscht sein." Das war das Schlimmste, wenn der Meister einem enttäuscht anblickte. Fergus wollte das keinesfalls erleben.
Yukarin war inzwischen wieder aus dem Bad zurück gekommen und setzte das Wasser zum Kochen auf. Knapp fragte er Lilian, ob sie Wundsalbe bräuchte, oder ob Tee reichen würde. Obwohl Lilian vorhin nicht hatte aufessen wollen, schien sie nun ganz dankbar über den Tee zu sein. Nervös fragte sie, ob Yukarin dem Meister das mit dem Kleid erzählen würde. Dabei rutschte sie unruhig hin und her. Vielleicht müsse das nicht sein, fügte sie an. Nicht gleich sofort. Ausserdem könne sie nähen. Sie bräuchte nur etwas Nadel und faden. Sie hätte schon einmal einen Riss gehabt. In einem Strumpf. Das sei auch nicht mit Absicht passiert. doch sie hätte es genäht und dann wäre der Meister nicht böse gewesen. Er sei sogar sehr nett gewesen. Er hätte gelacht, sie umarmt und noch etwas getan, aber das wollte Lilian nicht mehr sagen.
Es war ohnehin egal. Fergus kam nicht mehr mit. Warum sollten sie dem Meister denn von dem Riss erzählen? Das würde der doch ohnehin selber sofort sehen. Und was hatte das alles mit der Geschichte mit dem Strumpf zu tun? Warum war der Meister ganz nett geworden, weil Lilian einen Riss in einem Strumpf gehabt hatte? Auch Yukarin blickte Lilian sehr nachdenklich an. Vielleicht versuchte er sich genau wie Fergus einen Reim daraus zu machen.
"Ich denke, es wäre besser, den Meister heute Abend nicht mehr zu stören", befand er schliesslich und setzte sich wieder in seinen Sessel. Lilian flehte ihn jedoch noch um mehr an. Dass sie das Kleid, respektive den Riss darin nähen müsste. Sie würde auch hier bleiben. Dafür erntete sie einen besonders skeptischen Blick von Yukarin.
"Es tut mir Leid, Lilian", lenkte Fergus sie etwas davon ab. "Ich habe kein Nähzeug bei mir." Der Riss würde ja ohnehin zu sehen sein. Auch wenn Lilian ihn zunähte.
"Geh welches im Atelier holen, Fergus", wiess der Blutige ihn da unvermittelt an.
"Oh, ja, gute Idee", strahlte der lockenhaarige Krieger. "Ich bin gleich wieder da." Er wollte sich schon erheben, als Lilian ihn unvermittelt hart am Handgelenk festhielt und ihn bat bei ihr zu bleiben. Er sollte sie nicht alleine lassen. Ob er nicht jemand anderem senden konnte, ihm die Sachen zu holen. Das war ein merkwürdiger Gedanke, etwas nicht selber zu machen, wozu man doch Zeit hat.
"Es macht mir keine Mühe", versicherte er Lilian, falls das das Problem sein mochte. "Es ist ja ganz in der Nähe. Und die anderen haben sich bestimmt längst schon alle zurück gezogen. Da will ich niemanden stören. Keine Sorge. Ich bin gleich wieder da." Nach einem freundlichen Lächeln und einem lieben Händedruck löste er sich entgültig von Lilian und huschte aus dem Zimmer. Auf leisen Sohlen rannte er zum Atelier und fand rasch, wonach er suchte. Es gab mehrere, kleine Nähsets, wo sie sich einfach bedienen konnten, wenn sie etwas kleines nähen wollten. Bei grösseren Projekten mussten sie Horatio um die Materialien fragen, damit es kein Durcheinander im Atelier gab. Für Lilians Notfall reichte jedoch so ein Nähset. Weisser Fadden war ja dabei.
Als er zurück kam, sass Lilian noch immer ganz klein und eingerollt in ihrer Sofaecke. Sie schien sich nicht vom Fleck gerührt zu haben. Wohl aus lauter Sorge, der Riss könne sich vergrössern, wenn sie sich bewegte. Yukarin hatte das Wasser inzwischen vom Feuer genommen und es in eine Teekanne gegossen. Ein aromatischer Teegeruch war köstlich im Raum zu riechen. Fergus freute sich auf ein Tässchen Tee. Aber erstmal überreichte er Lilian das kleine Beutelchen mit den Nähutensilien.
"Magst du vielleicht vorher deine Schlaftunika anziehen?" fragte er hilfsbereit. "Es ist sicher einfacher zu nähen, wenn du das Kleid dabei nicht anhast."
"Du kannst dich im Bad umziehen gehen", erlaubte Yukarin und deutete, ohne dabei von seinem Buch aufzusehen, mit dem Kinn zu der Tür, hinter der er kurz vorher selber verschwunden war, um Wasser zu holen.
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 18:17
von Lilian
Yukarin sagte ihm nicht wieso Aerys wollte, dass Lilian hier übernachtete. Entweder hatte der Blutige keine Antworten auf Lilians verzweifelte Fragen oder er wollte ihm nichts verraten. Der Jüngling machte sich große Sorgen um den Riss und auch Fergus pflichtete ihm bei, dass es sehr blöd gelaufen wäre. Lilian wusste nicht, ob Aerys diese Erklärung reichen würde. Vielleicht, wenn Lilian das Kleid flicken würde...
Fergus hatte noch einen anderen Vorschlag. Lilian sollte stärker üben, besser mit dem langen Kleid zu lernen, damit er den Meister milde stimmen könne. Der Junge seufzte niedergeschlagen. Irgendwie wollte er Aerys auch nicht enttäuschen, aber wenn es bedeutete, sich dabei selbst aufzugeben?
"Ich mag das gar nicht lernen", vertraute er Fergus leise an, "Ich mag das Kleid nicht... es erinnert mich an alles schlechte..." Es war nie schön, das weiße Kleid zu tragen. Weder dass Aerys ihn ungnädig dazu zwang noch all die schreckliche Zeit, die Lilian erlebte, wenn er es anhatte. Er verstand nicht wieso die Weißgekleideten so froh waren, ihre Gewandung zu tragen. Da war man dann doch auch als Opfer gebrandmarkt. Seltsamerweise hatten die meisten Kunstwerke keine Angst vor den Blutigen, wie der Jugendliche allmählich mitbekam. Fergus schien auch freiwillig bei Yukarin bleiben zu wollen.
Zum Glück wurde der nicht wütend und als Lilian ihn flehentlich bat, nichts von dem Missgeschick sofort an Aerys weiterzuleiten, stimmte der Blutige zu. Es wäre besser, den Meister diesen Abend nicht mehr zu stören.
"Danke", sagte der Jüngling erleichtert. Heute hatte er nicht die Kraft für ein weiteres Donnerwetter. Lieber klammerte er sich an die Hoffnung, dass Aerys nett zu ihm sein würde, wenn er erstmal das Kleid geflickt hätte. Vielleicht würde es genauso wie beim Strumpf ablaufen.
Fergus hatte leider kein Nähzeug, doch Yukarin schickte ihn los ins Atelier, um welches zu holen. Zunächst war Lilian sehr erleichtert, dass er seinen Plan doch noch durchführen konnte, als sich Fergus erhob und der Jüngling realisierte, dass er damit alleine bei dem Blutigen sein würde. Oh nein! Nein, bitte nicht.
Er packte Fergus rasch am Handgelenk. "Nein, bitte bleib hier. Lass mich nicht allein", bat er eindringlich, "Kannst du nicht jemandem senden, der die Sachen bringt?"
Der ältere Krieger verstand die Bitte leider nicht. Es wäre in der Nähe und er wolle deswegen niemand anderen stören. Dann machte er sich von Lilian los und eilte aus dem Zimmer. Entsetzt blickte der Junge ihm hinterher. Nein, jetzt war er alleine mit Yukarin. Was würde der jetzt machen?
Lilian rückte auf dem Sofa weiter zurück, zog die Beine an. Ängstlich blickte er hinüber zu dem Blutigen, aber der sah nichtmal zu ihm und hatte sich ein Buch genommen. Der Jugendliche traute dem noch nicht recht. Yukarin sah so seltsam und fremd aus mit den weißblonden, langen Haaren und dem ernsten Gesichtsausdruck. Lilian schlang die Arme um die Knie.
Es stellte sich heraus, dass der Bibliothekar nichts weiter vorhatte, als zu lesen. Lilian sah immer mal wieder zu ihm hin, doch ganz verlor er seine Scheu nicht. Besonders nicht, als sich dieser erhob und um den Couchtisch herumging. Sofort spannte sich der junge Krieger an, drückte sich gegen die Kissen. Allerdings tat Yukarin nicht mehr, als den pfeifenden Kessel vom Feuer zu nehmen und in eine Kanne zu gießen. Danach setzte er sich wieder und widmete sich seinem Buch. Heimlich beobachtete ihn Lilian dabei.
Es kam ihm sehr komisch vor, so alleine mit dem Blutigen.
"Was... liest du denn da?", fragte er schließlich.
Da kam Fergus endlich wieder und er hatte auch ein Säckchen mit Nähzeug dabei.
"Danke, Fergus", bedankte sich Lilian erleichtert und rollte etwas weißes Garn ab. Ob das ging? Er hatte vor den anderen beiden so getan, als wäre es kein Ding für ihn, einen Riss zu nähen, doch er hatte das nur einmal gemacht und nicht ohne Probleme. Hoffentlich blamierte er sich nicht.
Fergus schlug vor, sich erst umzuziehen. Lilian sah mit großen Augen zu ihm hoch. Umziehen? Etwa hier vor allen?
"Ich weiß nicht...", setzte er an.
Nein, es stellte sich heraus, dass der Bibliothekar eine andere Idee hatte. Der angrenzende Raum war ein Badezimmer und dort könnte er sich umziehen. Oh.. hatte er ihn deswegen nicht wegen der Toilettenfrage rausgehen lassen? Lilian kam sich etwas doof vor.
"Danke..." Er rutschte vom Sofa und ging vorsichtig mit der Tunika ins Bad. Er war froh, wenn er endlich aus dem elenden Kleid herauskam. Wieso musste er lauter Dinge tragen, die nicht zu ihm passten? Lilian schloss die Türe und lehnte sich dagegen. Es gab keinen Schlüssel und er wartete eine Weile, ob nicht jemand reinkam, doch seine Sorge war unbegründet.
Ob Aerys dem Blutigen verboten hatte, Lilian anzurühren? Oder vielleicht hatte Yukarin sowieso kein Interesse an ihm und mochte Fergus lieber. Lilian wäre das nur recht.
Er seufzte. Aerys hatte ihm viel zu viel Angst eingejagt über den Rest der Villa und was passierte, wenn Lilian einen Fuß über die Schwelle seines Käfigs setzte.
Der Junge streifte das kaputte Kleid ab und atmete erleichtert durch. Er war froh, es endlich nicht mehr auf seiner Haut zu spüren. Lilian suchte die Toilette auf und danach wusch er sich ein bißchen über dem Waschbecken ehe er die Tunika überstreifte. Sie war aus weichem, weißen Stoff und ging ihm bis zu den Oberschenkeln. Sie war nicht so kurz wie die Tunika, die Marlin trug, doch für Lilians Geschmack war sie trotzdem arg kurz.
Betreten öffnete er die Türe und kam heraus. Sie sollten ihn jetzt bloß nicht anstarren und sich lustig über ihn machen. Mit nackten, schlanken Beinen huschte er rasch zurück zum Sofa, um sich zu setzen.
"Darf ich eine Decke haben?", fragte er. Lilian wollte sich die Beine bedecken, außerdem war ihm doch etwas kalt. Er bekam einen Tee gereicht. Er roch fruchtig und die Tasse wärmte seine Hände.
"Danke..", nuschelte er. Es war dann doch nicht so schlimm in dem Salon wie befürchtet. Allerdings hatte sich auch noch niemand hingelegt. Lilian wollte lieber nicht über die Schlafsituation nachdenken. Am liebsten wollte er zurück in sein Bett... also das oben im Zimmer. Inzwischen hatte er sich daran gewöhnt.
Der junge Krieger versuchte sich an sein Bett in Amdarh zu erinnern. Er wusste wie es aussah, aber wie es sich angefühlt hatte? Ob er je wieder darin liegen würde? Er atmete tief durch, starrte zum Kamin hinüber, um dem Flammenspiel zu folgen. Lilian pustete sachte über die Teetasse.
"Oh, ich muss noch den Riss zunähen", fiel ihm ein und er stellte die Tasse erstmal beiseite. Lilian schnappte sich Nadel und Faden, während er sich das Kleid auf den Schoß legte. Dann mühte sich der Jüngling eindeutig ungeübt ab, das Garn in das Nadelöhr zu bekommen. Oh, wieso war das so klein?
"Verflixt", murmelte er, als es wieder nicht glückte. Das Nesthäkchen gähnte leicht, widmete sich wieder seiner Näharbeit. Er musste das unbedingt hinbekommen, sonst würde Aerys vielleicht nicht wieder lieb werden. Ob es ihm leid tat? Ob er die Schläge bereute? Wieso hatten sie nicht darüber reden können? Es war soo falsch gelaufen. Lilian schüttelte den Kopf. Es brachte nichts. Seine Gedanken drehten sich bloß im Kreis.
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 18:21
von Fergus
Lilian war sich nicht so ganz sicher, ob sie das weisse Kleid ausziehen sollte. Obwohl es einen Riss darin hatte. Fergus konnte das verstehen. Seine Gewandung zog man nicht einfach so aus. Doch als Yukarin das Bad erwähnte, dahin, wo Lilian vorher noch so ungedingt hin gewollt hatte, nickte sie schliesslich doch noch, nahm sich die Tunika und ging ganz vorsichtig, damit sie nicht wieder über den Saumrand ihres Kleides stolperte, ins Bad. Fergus schielte rüber zum Bibliothekar, um zu schauen, ob der in Plauderstimmung war. Während des Abendessens hatte er richtig viel gesagt. Aber Yukarin las nur wieder in einem Buch und da Fergus wusste, dass es besser war, ihn dabei nicht zu viel zu stören, bat er nur darum, sich auch Tee einschenken zu dürfen.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Lilian wieder kam. Fergus fragte sich noch fast, ob sie sich tatsächlich die Nacht über im Bad einschliessen wollte, wie Yukarin es gesagt hatte. Als er sie jedoch sah, fragte er sich, ob sie sich nur einfach nicht getraut hatte, aus dem Bad zu kommen, denn ihre Tunika war deutlich kürzer, als ihr Kleid. Dabei hatte Fergus schon viel kürzere Tuniken oder Röckchen gesehen. Selbst Lilian hatte er schon in kurzen Kleidchen gesehen. Doch nun, wo sie ihr schönes, langes Kleid ausgezogen hatte und nur noch die Tunika trug, kam es Fergus ganz frevelhaft vor, ihre schlanken, hübschen Beine zu schauen. Vor lauter Verlegenheit wusste er gar nicht wohin mit seinem Blick und er hoffte inständig, dass Yukarin, Lilian eine Decke erlaubte. Sie sollte nicht kalt haben. Oder ihre schönen Beine zeigen müssen.
"In der Truhe vor dem Bett solltest du eine Steppdecke finden, Fergus", erklärte ihm der Bibliothekar. Der Krieger nickte erleichtert und sprang sofort auf, um Lilian die Decke zu holen. Yukarin liess derweil eine Tasse mit dem fruchtig heissen Tee zu Lilian hinüber schweben. Er schien sich gar nicht mehr aus seinem gemütlichen Sessel wegbewegen zu wollen. Fergus konnte das verstehen. Er setzte sich auch gleich gemütlich auf das Sofa, kuschelte sich in die Kissen, nachdem er Lilian die Decke gebracht hatte. Im Gegensatz zu Lilian und Yukarin, wäre er jedoch gerne bereit gewesen, noch etwas zu quatschen. Allerdings schienen die anderen zufrieden damit, zu lesen, oder ins Feuer zu starren. Also nahm sich Fergus auch seine Teetasse und starrte ebenfalls ins Feuer.
Bis Lilian unvermittelt meinte, dass sie ja den Riss im Kleid zunähen müsste. Fergus zuckte erschrocken zusammen. Stimmt, das hatte er schon wieder vollkommen vergessen. Yukarin hingegen las in aller Ruhe weiter. Es musste etwas lustiges sein, denn seine sinnlichen Lippen lächelten verführerisch sanft. Fergus seufzte innerlich. Er hätte besagte Lippen gerade nur zu gerne geküsst. Aber er wusste, dass Yukarin dazu gerade nicht bereit war. Also konzentrierte er sich wieder auf Lilian, die eher ungeschickt mit Nadel und Faden hantierte. Fergus kam das bekannt vor. Ihm ging es mit Nadel und Faden ganz ähnlich.
"Kann ich dir helfen?" bot er trotzdem freundlich an und erschuff ein kleines Hexenlicht, damit Lilian das verflixt kleine Nadelöhr sehen konnte. "Versuch mal den Faden über die Spitze zu falten. Dann geht er leichter rein und teilt sich nicht", versuchte Fergus hilfreich zu sein, als es unvermutet leise und schüchtern anklopfte. Verwundert blickte Fergus zu Yukarin, doch der schien auch nicht zu wissen, was los war, zuckte nur achtlos mit seinen Schultern. Also erhob sich Fergus vorsichtig, um Lilian nicht zu stören und ging rasch zur Tür, um sie neugierig zu öffnen.
Vor ihm stand ein ziemlich eingeschüchterter Terim. Etwas versetzt hinter und neben ihm standen Marlin Lucero. Terim öffnete mit roten Wangen seinen Mund, wollte wohl etwas sagen, getraute sich dann aber wie so oft nicht.
"Hallo Fergus", grüsste Marlin ihn stattdessen freundlich. "Wir wollten fragen, ob wir kurz vorbei kommen und Lilian eine gute Nacht wünschen dürfen."
"Wir haben auch Kekse dabei", erklärte Lucero selbstzufrieden und hielt eine bauchige Keksdose hoch wie eine Trophäe. "Oh und ich rieche, ihr habt Tee. Perfekt." Damit lud der Prinz sich gleich selber ein und drängte sich in den Salon. "Hallo Yukarin", grüsste er den Bibliothekar, der sich aus seinem Sessel erhoben hatte. Doch er beachtete ihn nicht weiter. Stattdessen strahlte er Lilian an, stellte die Keksdose auf den Tisch und setzte sich ganz dicht zu Lilian aufs Sofa. Marlin folgte ihm aufgeregt, während Terim sich kaum in den Salon traute.
"Hast du mich vermisst?" wollte der freche Prinz gleich direkt von Lilian wissen, während er es sich auf dem Sofa gemütlich machte.
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 18:26
von Lilian
Lilian war froh, dass Yukarin eine Decke erlaubte und Fergus sprang auch gleich auf, um eine warme Steppdecke zu besorgen.
"Danke", sagte der Junge, als Fergus zurückgekommen war. Lilian schob die Decke rasch über seine Beine. Sie steckten zwar immer noch in den weißen Strümpfen, aber die waren sehr dünn und so vor dem Blutigen war es ihm trotzdem etwas unbehaglich zumute und er hatte das Bedürfnis sich zu verstecken. Zum Glück schien der Bibliothekar sehr zufrieden damit, einfach im Sessel zu sitzen und zu lesen.
Fergus setzte sich dagegen ebenfalls aufs Sofa. "Willst du was von der Decke?", bot Lilian trotzdem an. Vielleicht war dem anderen Krieger auch kalt. Gemeinsam saßen sie dann auf dem Sofa und tranken fruchtig warmen Tee. Es war ein bißchen tröstlich, doch die Erlebnisse heute morgen konnte es trotzdem nicht vertreiben. Es war seltsam, dass er nun in diesem Salon war und Aerys vermutlich oben in seinen Gemächern. Das wirkte irgendwie so weit weg. Aber vielleicht war es ganz gut, dass sie sich nicht sahen. Aerys könnte ihn jederzeit wieder schlagen... ganz grundlos. Lilian hatte sich nicht zu wenig oder falsch gefreut, glaubte er. Er hatte sich zu viel gefreut. Dass er unbedingt hier weg wollte, das hatte dem Adeligen nicht gefallen. Aber warum schenkte er ihm dann so etwas? Ach, wäre das alles doch nicht passiert..
Womöglich würde Aerys heute nacht noch kommen und ihn wieder zurücknehmen. So wie beim Kerker. Aber bis dahin musste Lilian unbedingt den Riss geflickt haben. Der Junge glaubte, dass dies dem Prinzen gefallen würde. Beim Strumpf war es ja auch so gewesen.
Also mühte sich Lilian ab, den Riss zu nähen, doch es scheiterte bereits daran, dass er den Faden gar nicht in die Nadel bekam. Fergus rief ein Hexenlicht herbei, das ihm mehr Licht spendete und fragte, ob er helfen könne.
"Ja, kannst du nähen?", fragte Lilian, "Weil... ich kann das eigentlich gar nicht", gab er leise kleinlaut zu. Fergus gab ihm Tipps wie er es eingefädelt bekam und Lilian versuchte es umzusetzen.
"Au!" Er saugte an seiner Fingerspitze in die er sich soeben die Nadel gestochen hatte. Da klopfte es plötzlich an der Türe. Oh, war das schon Aerys? Lilian wurde prompt aufgeregt und nervös. Allerdings spürte er gar nicht die Signatur des Prinzen. Trotzdem sah der Jugendliche neugierig Fergus hinterher, der die Türe öffnete.
Das Gesicht des schönen Jungen hellte sich auf, als er seine Freunde sah. Rasch legte Lilian das Nähzeug beiseite. Lucero war der erste, der sich sofort an Fergus vorbeidrängelte. Er hielt eine große Keksdose hoch und verkündete, dass sie Kekse dabei hätten. Die waren Lilian im ersten Moment egal. Er war einfach nur froh, dass er seine Freunde sehen konnte. Hinter Lucero kam auch Marlin hinein, während Terim noch zögerte.
"Ihr seid gekommen, das ist so schön", freute sich Lilian. "Ich wollt euch aufsuchen, aber ich musste Silberbesteck polieren und dann hat Coranis mich einfach ins Bett geschickt."
Lucero kam zum Sofa und setzte sich sofort zu Lilian, nachdem er die Keksdose abgestellt hatte. Der Prinz strahlte Lilian an und fragte ihn, ob er ihn vermisst hätte. Das war so lieb, dass Lilian gar nicht anders konnte, als dem Prinzen um den Hals zu fallen und sich trostsuchend an ihn zu kuscheln. Er wollte eine Umarmung.
"Jaaa", schluchzte er gerührt. "Aerys war so gemein zu mir... er hat mich geschlagen, ganz feste ins Gesicht", brachte er unglücklich hervor, "Ich dachte, er tut mir nicht mehr so weh, aber jetzt hat er es doch getan... und ich weiß gar nicht wieso und jetzt muss ich hier unten sein." Lilian bekam feuchte Augen. Er war trotzdem froh, dass er seine Freunde doch noch sehen konnte.
Lilian löste sich ein bißchen von Lucero, um sich verschämt über die Wangen zu wischen. Er wollte nicht wieder in Tränen ausbrechen. Er sah zu Marlin und Terim, die noch vor dem Sofa standen. Lilian rückte etwas zur Seite, damit noch Platz für sie war.
"Danke, dass ihr gekommen seid. Dürft ihr denn?", sorgte er sich, "Nicht dass Aerys auch mit euch wütend wird... ich darf nicht aus diesem Salon raus. Zuerst sollte ich im Schlafsaal schlafen, aber nicht in eurem... und jetzt soll ich hier schlafen..."
Lilian war sehr erleichtert, die drei zu sehen. Zwar hatte Yukarin ihn bisher gut behandelt, aber Lilian kannte ihn nicht und hatte nur die Schreckensgeschichten über die Blutigen im Kopf. Marlin, Terim und Lucero kannte er dagegen und fühlte sich gleich etwas wohler. Jetzt würde ihm nichts mehr passieren.
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 18:29
von Fergus
"Nähen? Ich? Nein, nicht so gut", schüttelte Fergus seinen Kopf und bekam nicht mit, wie ein leises Lächeln über Yukarins Lippen huschte. "Ich habe das selbe Problem wie du. Es dauert ewig, bis ich die Nadel eingefädelt bekomme und wenn ich es dann geschafft habe, dann steche ich mir dauernd in die Finger." Als hätte er es mit seinen Worten beschworen, piekste Lilian sich prompt in den Finger. Erschrocken zuckte er bei dem hellen 'Au' zusammen.
Er wollte sich schon fürsorglich um Lilian kümmern, als es an der Tür klopfte. Neugierig und weil es auch seine Aufgabe war, ging er zur Tür, um zu schauen, wer angeklopft hatte. Es waren Lucero, Marlin und Terim. Lilians engere Freunde. Oh, das war gut. Lilian hatte sie ohnehin noch besuchen wollen. Jetzt kamen sie zu ihr und konnten sicher helfen, sich etwas aufzumuntern.
"Schön, dass ihr da seid", grüsste Fergus erfreut zurück. "Kommt nur herein." Sanft fasste er Terim an der Hand und zog den scheuen Krieger behutsam in den Salon, da er wusste, dass Terim sonst befürchtete, sich aufzudrängen. Fergus bekam dafür eines der hübschen, aber so seltenen Lächeln des Jungen geschenkt. Erfreut drückte er ihm einen Kuss auf die Wange, bevor er die Tür wieder schloss und Terim sanft zu den anderen zog.
Lucero hatte sich mitlerweile schon längst zu Lilian auf das Sofa gesetzt und kuschelte mit ihr. Fergus staunte nicht schlecht. Dafür dass sie so Angst vor den rotgewandeten Kunstwerken hatte, schien sie ausgerechnet bei Lucere erschtaunlich vertrauensselig zu sein. Dabei war Lucero doch so voller versteckter Fallen und Verlockungen. Doch auch Terim schien dies zu gefallen. Denn er nahm sich eines der Kissen und setzte sich zu Lilian und Terims Füssen. Marlin wagte es, sich zu Lilian und Lucero aufs Sofa zu setzen. Wohlweisslich jedoch auf Lilians anderer Seite. Der fröhliche Krieger war immer etwas vorsichtig, wenn Blutige in der Nähe waren.
"Meinst du, wir dürfen nicht hier sein?" fragte Marlin vorsichtig, nachdem er sich zu Lilian gesetzt hatte. "Weil du nicht bei uns im Schlafsaal schlafen darfst?"
"Aber wir schlafen jetzt ja gar nicht", wandte Lucero schlau ein. "Wir trinken Tee und essen Kekse."
"Weil wir doch wissen, dass du Kekse magst", lächelte Marlin süss.
"Ich mag Kekse auch", warf Fergus grinsend ein.
"Dann solltest du unseren Gästen endlich Teetassen organisieren und ihnen Tee einschenken, damit wir geniessen können, was sie mitgebracht haben", riet ihm Yukarin streng und einem belustigten Ton, über seine Langsamkeit, wo er doch so sehr nach der Keksdose schielte. Fergus lachte, streckte Yukarin kurz frech die Zunge heraus, was dieser mit einem empörten Hochziehen der Augenbraue quitierte. Kichernd machte Fergus sich eifrig daran, allen Teetassen zu organisieren, Tee einzuschenken und sicherheitshalber auch die Kekse schon einmal auf einen Teller hübsch zu drappieren. Nicht dass sie für immer in dieser Dose blieben. Danach nahm er sich ebenfalls ein Sofakissen und setzte sich Yukarin zu Füssen, so wie Terim das bei Lucero und Lilian gemacht hatte. Fergus fand, dass das ganz hübsch aussah und eine gute Idee war. Besonders, weil er Yukarin so besonders nahe sein konnte.
"Morgen ist der Meister bestimmt nicht mehr böse auf dich", tröstete Marlin Lilian hingebungsvoll und streichelte ihr lieb über den Rücken. "Bestimmt ruft er dich dann gleich wieder zu sich, weil er dich doch so gern hat." Lucero und Terim nickten und hatten weitere tröstenden Gesten für sie. Lucero mit Worten und Terim einfach indem er er Lilian den Keksteller hinhielt und ihn anschliessend weiter herum reichte.
"Nun, wenn ihr euch endlich zuende ins Sofa gekuschelt habt, könnte ich eine Gutenachtgeschichte vorlesen", schlug Yukarin schliesslich vor, um wieder etwas Ruhe in ihre Teerunde zu bekommen. Aber Fergus glaubte auch, dass es nicht nur daran lag. Er war sich sicher, dass der Bibliothekar Lilian ebenfalls trösten wollte.
"Oh ja", strahlte der lockenhaarige Krieger begeistert über den Vorschlag. "Am liebsten eine von..."
"Nein, Fergus", unterbrach Yukarin ihn wissend. "Keine Geschichte von Sastre."
"Aber..."
"Nein, die eignet sich definitiv nicht, wenn Lilian dabei ist", wurde er erneut streng von Yukarin unterbrochen.
"Wirklich?" Enttäuscht und flehend blickte er mit grossen Augen hoch zu Lilian. In der Hoffnung, dass sie Yukarin sagte, dass es schon in Ordnung war, eine Geschichte von Andiël Sastre zu lesen.
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 18:34
von Lilian
Anscheinend hatten die drei Aerys nicht gefragt, ob sie hierher kommen durften oder nicht. Vermutlich war es besser, wenn der Adelige nichts darüber wusste. Lilian befürchtete, er würde sonst wie ein Schreckgespenst in den Raum rauschen und wütend sein, weil Lilian sich wieder über das falsche freute. Trotz seiner Traurigkeit war der Jüngling doch gerührt darüber, seine Freunde heute sehen zu können. Dann fühlte er sich nicht ganz so verloren. Fergus war zwar quirlig und bemüht, doch Yukarin war Lilian weiterhin fremd und nicht geheuer, obwohl es schon nett gewesen war, dass der Blutige ihm eine Decke gegeben hatte. Trotzdem fühlte sich der Jüngling bedeutend wohler vertraute Gesichter zu sehen.
Erstaunlicherweise drängelte sich Lucero sofort vor und in dem Moment war es Lilian egal. Er wollte ihn nur umarmen und es war ein bißchen tröstend. Marlin begann sich dann doch zu sorgen, ob sie hier sein dürften, doch der blutige Prinz hatte dagegen auch sofort ein Argument. Sie würden ja nicht schlafen, sondern Tee trinken und Kekse essen. Marlin steuerte auch bei, dass sie extra Kekse mitgebracht hätten, weil sie wussten, dass Lilian diese mochte.
"Das ist lieb von euch, danke", erwiderte der zarte Junge gerührt.
Yukarin meldete sich plötzlich von seinem Sessel zu Wort, dass Fergus den Gästen endlich Tee eingießen sollte bevor sie sich über die Kekse hermachten. Der Bibliothekar klang dabei streng und fast belustigt zugleich, wobei Lilian sich nicht sicher war, ob er dies richtig gedeutet hatte. Trotzdem hätte er nicht gewagt wie Fergus daraufhin zu lachen und dem Blutigen die Zunge rauszustrecken. Das war sehr frech, doch es wirkte auch vertraut. Fergus schien zu wissen wie viel er sich bei Yukarin herausnehmen konnte. Wenn Lilian das doch bei Aerys auch wüsste. Er hatte geglaubt, er würde Aerys nun besser kennen. Seine Launen und Gewohnheiten, was Lilian tun durfte und was nicht, aber der Adelige blieb unberechenbar. Es schien kein Raum für Lilian selbst zu geben. Nur für das Kunstwerk was er werden sollte. Alles andere schien unerwünscht. Es kam dem Jugendlichen gerade so hoffnungslos vor.
Lilian presste die Decke fester an sich, während er zwischen Lucero und Marlin saß. Terim hatte sich trotz Einladung lieber auf ein Kissen vor dem Sofa gesetzt.
Fergus holte noch mehr Teetassen und goss auch dem Rest Tee ein ehe er sich vor Yukarins Sessel setzte, dicht bei den Beinen des Blutigen. Die beiden schienen sich wirklich sehr zu mögen. Dabei sah der Blutige mit seinen weißblonden, langen Haaren so mysteriös und fremd aus. Ganz anders als der scheinbar lebenslustige Fergus. Es war eine seltsame Konstellation.
Lilian blickte rasch wieder weg, als Marlin ihm begann den Rücken zu streicheln und beteuerte, dass der Meister morgen nicht mehr böse auf Lilian sein würde. Er hätte ihn ja so gern.
"Ja, das hat er auch gesagt...", murmelte der Jüngling bitter. "Direkt nachdem er mir ins Gesicht gehauen hat." Das passte weiterhin nicht zusammen und so hatte Lilian auch Angst vor der nächsten Begegnung mit dem Adeligen. Vor einem weiteren Streit. Weiteren schlimmen Worten. Weiteren Schlägen. Es war nicht vorbei und Aerys würde ihm weiter weh tun. Eine ganz schlimme Zukunft stand Lilian bevor.
Abwesend ließ er sich von Marlin streicheln, während Lucero beipflichtete, dass es morgen schon besser sein würde. Terim hielt ihm den Teller mit Keksen hin und Lilian nahm sich einen, knabberte zaghaft daran.
Wieder überraschte ihn Yukarin. Dieses Mal damit, dass er ihnen eine Gutenachtgeschichte vorlesen wollte. Fergus war sofort dafür zu haben. Während Lilian noch überrascht zu dem Blutigen sah, hatte Fergus schon Vorschläge was für eine Geschichte es genau sein sollte. Zum Glück unterband Yukarin das gleich. Keine Geschichte von Sastre. Lilian errötete bei der Erwähnung des prekären Namens. Nicht allein wegen der erotischen Geschichte, die er ja auch nur teilweise gelesen hatte, sondern auch, weil er daran denken musste wie Aerys und er darüber geredet hatten.
Er wollte nicht, dass Yukarin es vorlas. Das wäre doch zu seltsam und peinlich.
Unsicher schüttelte er den Kopf, als Fergus ihn bettelnd ansah.
"Lieber nicht..", wehrte er trotz des Blickes ab. "Aerys hat gesagt, ich darf das nicht lesen." Lilian wusste nicht, ob 'vorlesen' auch darunter fiel, aber es war so intim. So etwas wollte er nicht von Yukarin hören. Wenn Aerys es vielleicht gelesen hätte... nein, lieber auch nicht.
Der Junge schob sich die Decke höher, um seine roten Wangen zu verbergen. "Lieber was schönes", bat er schüchtern. "Und, ach, ich wollte noch das Kleid flicken. Vorhin bin ich hingefallen und es hat einen Riss bekommen." Er deutete auf das Kleid, das auf dem Sofatisch lag.
"Weiß einer von euch wie man etwas näht?", fragte er. "Ich muss das doch fertig bekommen bevor Aerys den Riss sieht. Sonst wird er vielleicht wieder sagen wie undankbar ich bin."
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 18:52
von Marlin
Er freute sich so sehr, dass er Lilian endlich wieder sehen konnte. Gut, er hatte sie gestern gesehen. Trotzdem war es momentan ein eher seltenes Geschenk, sie sehen zu dürfen. Und nun durfte er sogar neben ihr auf dem Sofa sitzen. Ganz dicht. Das war so toll. Weniger schön war jedoch, dass Lilian schon wieder ganz traurig war. Anscheinend hatte der Meister sie ins Gesicht geschlagen. Das klang ja furchtbar. Erschrocken sog Marlin die Luft ein und drückte Lilian lieb an sich, damit sie wusste, dass er sie ganz fest gern hatte. Dass sie nicht alleine war und sich unter Freunden befand.
Fergus verteilte Tee und Terim reichte ihnen Kekse. Lucero schaute, dass sie es gemütlich auf dem Sofa hatten und Yukarin bot ihnen sogar an, ihnen eine Gutenachtgeschichte vorzulesen. Erfreut blickte Marlin ihn an. Yukarin konnte wunderschön Geschichten vorlesen. Marlin hörte ihm immer sehr gerne zu. Auch wenn er Yukarin überaus unheimlich fand und auch jetzt nicht wenig Angst vor ihm hatte. Trotzdem wollte er bei Lilian sein. Und auch bei Terim. Ja, sogar irgendwie auch bei Lucero, vor dem er eigentlich auch Angst hatte.
"Dann ist es besser, wenn es keine... solche Geschichte wird", warf auch Marlin rasch und sehr nervös ein, nachdem Lilian abwehrte, eine Geschichte von Prinz Sastre zu hören. In denen ging es so oft um Dominanz und leichte Prügel. Das mochte Marlin nicht so sehr und er konnte auch nicht nachvollziehen, warum die Andern dies als so prickelnd empfanden. Er war eben noch nicht ganz ausgelernt und bis dahin wollte er genau wie Lilian lieber einfach etwas schönes hören.
"Ich werde euch die Geschichte von Halbhähnchen vorlesen", stimmte Yukarin zu und wieder schien da ein sanftes Lächeln über seine Lippen zu gleiten. Kaum wahrnehmbar und doch so intensiv. Nach einem dankbaren Blick zu dem unheimlichen Blutigen wandte sich Marlin irritiert Lilian zu, die fragte, ob jemand von ihnen nähen könnte. Das war gerade eine sehr seltsame Situation. Und es war auch schlimm, das Lilian ihr Kleid kaputt gemacht hatte. Darüber würde der Meister sicher wütend werden. Ihre Kleidung war etwas ganz besonderes. Aber er wollte Lilian keine Angst deswegen machen. Sie schien schon genügend traurig zu sein.
"Ich kann dir zeigen, wie es geht", bot er stattdessen an und stellte seine Teetasse beiseite. Terim reichte ihm danach lieberweise besagtes Kleid. "Danke dir Terim", lächelte Marlin den anderen Krieger lieb an. "Allerdings kann man so einen Riss nie ganz verbergen. Man wird sehen, dass es geflickt ist. Du musst ganz feine Stiche nähen, damit es halbwegs schön wird. Soll ich das für dich machen."
"Lilian soll es selber machen", warf Yukarin ein, ohne den Blick von dem Buch zu heben, in dem er gerade blätterte und die Geschichte von Halbhähnchen suchte. Verwundert schaute Marlin ihn an. Doch da der Blutige sonst nicht weiter reagierte oder sich erklärte, zuckte er mit den Schulter und legte Lilian stattdessen ihr Kleid zurecht.
"Es geht am einfachsten, wenn du die Innenseite aussen hast", erklärte er freundlich. "Dann faltest du das Kleid entlang des Risses, Aussenseite auf Aussenseite. Steck es mit Nadeln fest. Danach nähst du eine Linie entlang des Risses, da wo der Stoff noch heil ist. So ein schöner flacher Bogen."
Hilfsbereit legte Marlin Lilian das Kleid zurecht, zeigte ihr, wo sie die Stecknadeln reinschieben sollte und half ihr, den Faden in die Nadel zu kriegen. Danach zeigte er ihr, wo und wie sie entlang nähen sollte, damit es schön wurde. Dabei beschränkte er sich auf Gesten, da Yukarin nun beginnen wollte, seine Geschichte vorzulesen.
"Es war einmal eine Bäuerin", las er mit wohlklingender Stimme. "Diese Bäuerin hatte zwei fast schon erwachsene Töchter. Um zu sehen, wie diese im Charakter waren, nahm die Bäuerin ein Ei, teilte es entzwei und gab jeder Tochter eine Hälfte. Die ältere Tochter nahm ihre Hälfte, kochte sie und ass sie auf. Die jüngere Tochter jedoch hegte und pflegte ihr halbes Eis, hielt es warm und sicher, bis eines Tages Halbhähnchen daraus schlüpfte."
Fergus und Lucero kicherten. Marlin hingegen schaute verwirrt in die Runde. So etwas ging doch gar nicht. Yukarin lass jedoch ungerührt weiter und erzählte davon, wie Halbhähnchen prächtig wuchs und gedieh und schon bald über den Hof stolzierte, nach Körnern pickte und im Misthaufen nach Maden scharrte. Das war so absurd. Allmählich musste auch der verwirrte Krieger grinsen.
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 18:58
von Lilian
Marlin wollte zum Glück auch keine Geschichte von Sastre hören und da niemand sonst protestierte, beschloss Yukarin ihnen etwas anderes zu erzählen. Die Geschichte vom Halbhähnchen. Das sagte Lilian nichts, doch er nickte dankbar. Es war ohnehin seltsam, dass der Blutige ihnen jetzt eine Geschichte erzählen würde wie als wären sie Kinder. Dabei war Lilian wirklich kein Kind mehr. Die Erlebnisse der letzten Monde hatten dafür gesorgt. Wie ein Erwachsener fühlte sich der Jugendliche aber auch nicht. Er hatte keinerlei Kontrolle mehr über sein Leben und es war beängstigend.
Lilian wusste nicht, ob es helfen würde, wenn er das kaputte Kleid flickte oder nicht. Ob Aerys sich wieder darüber freuen und ihn loben würde oder ob er in einer Stimmung sein würde, wo er ihn für den Riss scholt und schlug und ihm wieder Dinge wegnahm. Beim letzten Mal hatte der Adelige sich gefreut. Es musste wieder so sein..
Aber dazu musste Lilian erstmal schaffen den Riss zu nähen. Marlin konnte zum Glück nicht nur stricken sondern auch nähen und bot ihm lieberweise an, ihm zu helfen. Terum gab ihnen das Kleid an und Marlin nahm es, um Lilian zu zeigen wie und wo er es am besten nähen sollte. Es müssten ganz feine Stiche werden.
"Oh, ich weiß nicht, ob ich das schaffe...", wagte der zierliche Jüngling einzuwenden. Als er den Strumpf genäht hatte, hatte das Endergebnis nicht sehr gut ausgesehen. Den Riss hatte man deutlich gesehen.
Marlin bot an, dass er es nähen könnte, doch bevor Lilian etwas dazu hatte sagen können, mischte sich bereits Yukarin ein, dass Lilian es selbst erledigen sollte. Der Bibliothekar widmete sich danach wieder dem Buch in dem er blätterte. Lilian nickte zustimmend. Er glaubte auch nicht, dass Aerys sich freuen würde, wenn Lilian seine Fehler einfach an wen anderen abschob. Obgleich Marlin es sicher schöner hätte nähen können.
"Es reicht, wenn du es mir erklärst", sagte Lilian leise. Der blonde Krieger gab ihm gleich einen sehr wertvollen Tipp; nämlich, dass er das Kleid nach innen drehen sollte, um dort zu nähen. "Nach innen drehen... darauf wär ich nie gekommen. Danke, Marlin." Der Junge dämpfte seine Stimme rasch, als er sah, dass Yukarin anfangen wollte vorzulesen.
Währenddessen bedeutete Marlin ihm mit Gesten wie er am besten mit dem Nähen anfangen sollte und dass man nicht nur eine Nadel brauchte, sondern noch weitere, um den Stoff festzuhalten. Mit Marlins Hilfe schaffte es Lilian auch das Garn einzufädeln. Sorgsam begann er mit dem Nähen. Yukarin erzählte derweil von einer komischen Geschichte mit zwei Töchtern, die jeder ein halbes Ei bekamen. Während die eine ihre Hälfte aß, pflegte die andere ihre und ein Halbhähnchen schlüpfte daraus. Wie sollte denn ein Huhn aus einem halben Ei kommen? Das klang alles sehr absurd und lenkte Lilian so sehr ab, dass sich der ein oder andere Fehler in die Stiche einschlich, aber Lilian hatte noch weniger Ahnung wie er es rückgängig machen konnte. Fergus und Lucero amüsierten sich derweil kichernd und grinsend über die Geschichte.
"Wie kann es denn ein halbes Hähnchen geben?", fragte Lilian verwirrt, während er sich an einem weiteren feinen Stich versuchte. Wirklich schön sah es nicht aus, befürchtete der Junge. Doch er war über das Nähen und dem Geschichte zuhören abgelenkt genug von den schrecklichen Erlebnissen, die ihm heute widerfahren waren.
Irgendwann war auch der Riss zugenäht und auch wenn ein paar Stiche etwas zu fest oder zu krumm waren, so sah es dank Marlins Erklärungen schon sehr viel besser aus als Lilians erste Nähversuche.
"Danke, Marlin", flüsterte er und lächelte kurz. Marlin half ihm das Kleid wieder auf die richtige Seite zu wenden und da sah man nun nicht mehr viel von den Fäden und Stichen. Jedenfalls sah es auf dieser Seite viel ordentlicher aus. Lilian blickte es erstaunt an. "Ohh.. meinst du, das ist gut genug?", wisperte er und war froh, dass das Kleid wieder heile war. Nicht, weil er es mochte, sondern weil der Adelige dann hoffentlich weniger wütend werden würde. Dabei hatte Lilian selbst jetzt noch den Drang das Kleid kurz und klein zu reißen, um all den Frust und die Hilflosigkeit mit seiner Situation herauszulassen.
Hastig legte es der Junge beiseite.
Nun konnte er sich ganz auf die Geschichte konzentrieren, doch das Nesthäkchen der Villa war schon lange auf und es war ein kräftezehrender Tag gewesen. Verstohlen gähnte er hinter der Hand. Unter der Decke und so nah vor dem Kamin war es warm, noch dazu zwischen Marlin und Lucero sitzend. Da fühlte sich Lilian einigermaßen sicher.
Er stellte immer mal wieder Fragen zur Geschichte, wenn ihm etwas besonders unlogisch vorkam, was eigentlich ständig der Fall war, doch irgendwann wurde auch das weniger und stattdessen fielen dem Jüngling die Augen zu. Müde lehnte er sich an Marlin. Hoffentlich war morgen alles wieder besser.
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 19:42
von Marlin
"Keine Ahnung", gab der blonde Krieger leise wispernd und völlig hilflos zurück. " Und vorallem, welche Hälfte?" Oben, unten? Links, rechts? Oder noch einmal eine ganz andere Konstellation. Das Halbhähnchen brauchte zumindest einen Fuss, um über den Hof vorwärts zu kommen. Aber auch einen Schnabel, um krähen zu können und später dann auch um mit dem Pächter zu sprechen und ihm Gold zu leihen. Marlin fragte sich bei der absurden Geschichte schon gar nicht mehr, woher das Halbhähnchen Gold hatte. Das war wohl einfach so.
"Ich denke schon", nickte er flüsternd auf Lilians frage, ob sie den Riss gut genug geflickt hätte. Vorsichtig blickte er dabei kurz zu Yukarin, weil er Angst hatte, den Blutigen wütend zu machen, weil er schwatzte, während dieser ihnen so lieb vorlas. Andererseits wollte er doch auch Lilian helfen, die so unglücklich mit ihrem Kleid war und darüber, dass sie so heftig mit dem Meister aneinander geraten war.
"Man sieht es halt immer, wenn man einen Riss flicken musste", erklärte er leise. "Ich hoffe der Meister gibt dir ein neues Kleid, damit du nicht so... so zerrissen herumlaufen musst." Das sah irgendwie so schmudelig und verwahrlost aus. In einer kaputten Gewandung herumlaufen zu müssen, war eine der grössten Strafen für die Kunstwerke. Es zeigte irgendwie an, dass der Meister einem nicht mehr lieb hatte und man es gar nicht mehr so richtig wert war, ein Kunstwerk zu sein. Denn sonst hätte man ja schon längst neue Gewandung erhalten. Deswegen achteten sie alle sehr gut darauf, dass möglichst nie eine Leinenkleidung kaputt ging. Sie war ihnen allen sehr wichtig und ihr grosser Stolz.
Die Geschichte ging weiter. Halbhähnchen zog aus, um beim Pächter wieder das Gold zurück zu holen, welches er nicht mehr zurückzahlen wollte. Dabei traf es auf den Fuchs, einen Bienenstock und einen Bach, mit denen es sprach und sie dazu einlud, ihm zu helfen. Im Vergleich zu Lilian fragte Marlin bei den unlogischen Sachen nicht nach. Auch wenn es ihm seltsam erschien. Gleichzeitig war es aber auch sehr lustig und Marlin lachte lieber mit den anderen, als dass er die Geschichte auseinander pflückte. Zumal Yukarins Antworten auf Lilians verwirrte Fragen auch nicht sonderlich hilfreich waren. Meistens nahm er nämlich die Antworten aus dem Buch und wiederholte einfach nur die absurde Passage, was Fergus und Lucero besonders zum Lachen brachte. Marlin wurde davon mitgezogen und selbst Terim wagte ab und an ein scheues Lächeln.
"Halbhähnchen nahm sich sein Gold zurück und ging mit seinen neu gefundenen Freunden wieder nach Hause", schloss Yukarin die Geschichte. "Und ihr geht jetzt ins Bett. Ich bin müde."
"Ich... ich glaube, Lilian ist schon eingeschlafen", flüsterte Marlin aufgeregt. Er fühlte sie ganz schwer und warm an seiner Seite und ihre Atemzüge waren langsam, tief und regelmässig. Überrascht blickte Yukarin nachdenklich zu ihm, nickte dann aber verstehend.
"Fergus, schlag die Bettdecke zurück", wiess er den Krieger zu seinen Füssen an. "Ich werde sie hineintragen."
"Och, dabei wollten wir doch noch eine Pyjamaparty machen", meinte dieser etwas enttäuscht, sprang aber gleich auf, um das Bett vorzubereiten. Terim nahm Lilian derweil behutsam ihr Kleid ab, damit Yukarin hinzutreten und Lilian behutsam auf ihre Arme heben konnte.
"Es ist schon spät genug, Fergus", mahnte der strenge Bibliothekar. "Es ist besser, wenn sie weiter schläft. Sonst würde sie nur wieder Angst bekommen, weil sie nicht in ihr Zimmer zurück kann." Vorsichtig hob er sie hoch und trug sie hinüber zum Bett. Dabei kuschelte sich Lilian unwillkürlich an die Brust des Blutigen und murmelte den Vornamen des Meisters. Marlin lächelte. Sie schien ihn auch schon zu vermissen. Lucero trippelte derweil aufgeregt hinterher, gähnte herzhaft und wollte sich auch gleich zu Lilian ins Bett legen, nachdem diese wohlig hineingebettet worden war.
"Lucero!" tadelte Yukarin und packte ihn am Kragen. "Du weisst genau, dass wir das nicht dürfen. "
"Aber ich bin so müde", quengelte der Prinz.
"Du kannst auf dem Sofa schlafen, wenn du hier bleiben willst", entgegnete Yukarin unbarmherzig. "Der Meister ist schon wütend genug. Du solltest ihn nicht noch weiter provozieren. Wenn ich schon da bin, werde ich das verhindern."
"Dann geh doch", schmollte Lucero. "Du kannst auch Marlin mitnehmen." Der blonde Krieger erstarrte, als er das hörte, spürte unvermittelt, wie Yukarins schlanke, aber starke Hand über seinen Rücken hinunter zu seinem Hintern glitt und sanft darüber streichelte. Oh, das war... Marlin erschauderte. Wie hatte er nur so dumm sein können, so nahe an einen Blutigen heran zu treten? Er war nur so abgelenkt durch seine Fürsorge für Lilian gewesen.
"Verlockendes Angebot, Lucero", gab Yukarin zu. "Aber nicht heute. Ein anderes Mal. Ausserdem sollte Marlin bei Lilian bleiben, damit sie nicht zu sehr erschrickt, wenn sie aufwacht. Los, Kleiner, geh zu ihr ins Bett. Bei dir muss ich mir wenigstens keine Sorgen machen, dass du sie ungebührlich anfasst."
"Soll... soll ich mit dir gehen, Yukarin?" fragte da Terim leise und trat anmutig an die Seite des Bibliothekars, nachdem Marlin rasch zu Lilian ins Bett geflohen war. Er wollte wohl Lucero einen Gefallen tun, indem er Yukarin aus dem Raum lockte, so dass der Prinz trotzdem noch zu Lilian ins Bett konnte.
"Oh, Liebchen, du bist so brav", antwortete Yukarin unglaublich sanft und streichelte zärtlich über Terims Wangen. "Ich wüsste gar nicht, wofür ihr dich bestrafen sollte." Sinnlich gab er Terim einen verführerischen Kuss auf die Lippen, spielte verlockend mit dessen Zunge, ehe er sich wieder aufrichtete. "Solange Lucero hier bleibt, werde ich auch hier bleiben", stellte der Bibliothekar klar. Leg dich lieber auch ins Bett Terim."
"Menno", schmollte Lucero, schob sich die Hände in die Hosentasche und trollte sich zurück aufs Sofa, um sich darauf zu werfen.
"Ich bleibe bei Lucero", beteuerte Terim rasch und eilte seinem Schwarm nach. Rasch sammelte er noch einige Kissen ein und bereitete sich ein kleines Lager vor dem Sofa, auf das er sich klein zusammen rollte.
"Und ich?" fragte Fergus mit grossen Augen, als ob Yukarin ihn vergessen hätte.
"Es ist noch etwas Platz im Bett frei. Du kannst dich zu Lilian legen", bot Yukarin grosszügig an. "Aber keinerlei Dummheiten, Fergus. Oder ich versohle dir nie wieder den Hintern." Das wirkte. Der lockenköpfige Krieger wurde auf einmal ganz ruhig und nickte brav. Für Marlin wäre das eher eine Drohung gewesen, um nicht zu gehorchen. Scheu sah er zu, wie Yukarin noch Steppdecken an Lucero und Terim verteilte. Lucero hatte es irgendwie noch geschafft, Terim zu sich aufs Sofa zu ziehen. Yukarin selbst setzte sich wieder in seinen Sessel und las in dem Buch weiter, in dem er vorhin schon gelesen hatte. Diesmal jedoch mit Hilfe eines kleinen Hexenlichtes, da er das restliche Licht im Zimmer ausgelöscht hatte.
Re: Erster Unterricht
Verfasst: Di 26. Jan 2021, 19:53
von Lilian
Jemand hob ihn hoch in seine Arme und trug ihn herum. Das konnte nur Aerys sein, der ihn ins Bett trug, dachte Lilian im Halbschlaf. Dann war alles wieder gut. Der Junge kuschelte sich an die breite Brust. "Aerys...", murmelte er erleichtert und schlief gleich wieder weiter, als er ins Bett gelegt wurde. Aerys hatte ihn wirklich wieder zu sich geholt. Der Jüngling bekam nicht mehr mit wie sich die Männer um das Bett herum standen und diskutierten wer sich nun zu Lilian legen durfte. Er fühlte nur die warmen Körper im Bett, kuschelte sich dazwischen und wähnte sich wieder in seinem eigenen Bett, zusammen mit Aerys. So schlief Lilian auch tief und fest bis in den frühen Morgen, wo er sich das erste Mal wieder regte. Er rollte sich herum, schmiegte sich an Aerys und wollte gerne noch etwas dösen. Aber irgendetwas stimmte nicht. Ein Ungleichgewicht an Signaturen. Keineswegs war das so lockende Purpur in der Nähe. Lilian wusste genau wie sich Aerys' Signatur anfühlte und sie fehlte.
War der Prinz schon aufgestanden? Aber was... da war doch ein warmer Körper... nein zwei sogar, links und rechts neben ihm. Erschrocken schlug Lilian die Augen auf. Entsetzt blickte er zwischen Fergus und Marlin hin und her. Was... aber...
Es dauerte ein bißchen bis Lilian realisierte, dass er immer noch in dem Salon in der Nähe der Bibliothek war. Schwere Vorhänge hielten den Raum in einem Dämmerlicht. Dann hatte er nur geträumt, dass Aerys ihn ins Bett getragen hatte? Enttäuscht nagte Lilian an seiner Unterlippe. Der Jüngling blickte sich verloren um. Was machten denn Marlin und Fergus bei ihm im Bett? Hoffentlich hatten sie nicht... nein, die beiden würden ihn doch nicht einfach so anfassen, glaubte er. Vorsichtig versuchte der Junge aus dem Bett zu krabbeln. Im Kamin war das Feuer heruntergebrannt und es war kälter im Raum geworden. Lilian begann in der kleinen Tunika sofort zu frieren, aber er wollte auch nicht bei den anderen beiden im Bett bleiben. Das kam ihm zu komisch vor.
Bemüht keinen von ihnen zu wecken, kletterte der Jugendliche aus dem Bett. Er rieb sich die dünnen Arme, sah sich vorsichtig um. Sie waren nicht die einzigen im Raum. Lucero und Terim lagen auf dem Sofa, dicht aneinandergekuschelt und schliefen selig. Das sah irgendwie schön aus. Friedlich. Wieso musste es denn diese schlimme Aufteilung zwischen Weißen und Blutigen geben? Konnten sich nicht alle vertragen und nett zueinander sein? Aber das war wohl zu naiv. Am Ende waren sie alle Sklaven eines launischen Adeligen, der sie gerne in Kategorien steckte und alles was nicht dazu passte, weg erziehen wollte. Wieso musste das so sein? Lucero war doch auch manchmal sehr fürsorglich und lieb. Und Fergus konnte sehr frech und übermütig sein. Es gab doch nicht nur Rot und Weiß. Lilian glaubte nicht, dass Aerys wollte, dass jeder gleich war. Wenn Fergus frech sein konnte und Lucero fürsorglich, konnte Lilian dann nicht auch seine Eigenarten behalten? Wieso war der Adelige immer so unzufrieden mit ihm? Lilian hatte Angst wie es in Zukunft mit ihnen werden würde. Nun, wo er nichts besonderes mehr sein sollte. Musste Lilian jetzt immer hier unten sein? Obwohl es im Salon nicht so schlimm gewesen war wie gedacht, war die Situation weiterhin schwierig für den unerfahrenen Jugendlichen.
Nein, Aerys würde ihn doch wieder abholen oder? Aber er war nicht nachts zu ihm gekommen und hatte ihn erlöst. Es war nicht wieder alles gut.
Lilian fürchtete sich vor weiteren Schlägen und Misshandlungen, wenn er den Prinzen wieder erzürnte. Er wusste nicht was er jetzt machen sollte.
Besonders jetzt, wo jeder noch schlief und Lilian ratlos und sehr wach neben dem Bett stand. Er hätte liegenbleiben und so tun sollen, als würde er noch schlafen. Vorsichtig tippelte der Junge zu einem der Fenster und schob den Vorhang nur ein klein bißchen beiseite, um nach draußen zu gucken. Zwar war es bereits morgen, doch der Himmel war ganz fahl und grau. Nebel wallte über den herbstlich gefärbten Park.
Als Lilian sich wieder zurückzog, fiel der Streifen helleren Lichts durch den Salon und genau auf den Sessel. Der Sessel in dem Yukarin noch saß und ihn schweigend anschaute. Der Jüngling erstarrte für einen Moment.
"Oh... ich wollte euch nicht wecken", flüsterte er. Verstohlen versuchte Lilian die Tunika noch etwas weiter hinunterzuziehen, aber man sah trotzdem etwas von den nackten Schenkeln zwischen der Tunika und den langen, weißen Strümpfen. "Ich erinner mich gar nicht wie ich ins Bett gekommen bin..", gab er zu. "Ich dachte, ich wäre wieder in meinem Zimmer." Der Jüngling brach ab. Das wollte Yukarin vermutlich nicht hören.
"Ich.. ehm.. kann ich ins Bad? Hast du eine Zahnbürste, die ich mir ausleihen kann?", versuchte er abzulenken.